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Full text of "Das Freer-logion"

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GREGORY, C. R.: VERSUCHE UND ENTWÜRFE, i 



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DAS 



FREER-LOGION 



VON 



CASPAR RENE GREGORY 




LEIPZIG 
J. C. HINRICHS^scHE BUCHHANDLUNG 

1908 



II 



C. B. aBE(K)BT 

VERSUCHE UND ENTWÜRFE 

I. HEFT 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



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1 

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in 



Inhalt 



Seite 

1. Die Freer-Handschriften i — 24 

Einleitung i — 4 

Handschrift I 4 — 11 

Handschrift II 12. 13 

Handschrift III 13 — 23 

Handschrift IV 24 

2. Das Freer-Logion 25 — 66 

Einleitung 25 — 28 

Die Umgebung des Logions 28. 29 

Der Text ....'. 29. 30 

Textkritik 30 — 35 

Vollständigkeit 35-36 

Wortschatz 36 — 39 

• Übersetzung 39 

Inhalt 40— -42 

Auslegung 42—59 

1. Die Rede der Jünger: i — 6 42 — 50 

II. Die Antwort Jesu: 7 — 12 50 — 59 

Ergebnisse 60—66 



Nachbildungen. 

Seite 

1. Hs I, Bl i: Deuteronomium 1,1 — xal sTtcov TCpög ^ixäg 1,9 ... . 5 

2. Hs I, B163(?): Josua 1,1 — YeYpa|i[|iiva] 1,8 10 

3. Hs II, Bl?; Psalm 121,9 — TZoXb ^[TCXYj^uv^rjiiev] 122,3 12 

4. Hs III : bemalte Holzdeckel 14 

5. HsIII, Bl 184 verso: Markus 16,17 öatjiövta — Apmjv 16,20 ..... 18 

6. Hs IV, Bl?: Zweiter TheSsalonikerbrief 2,5 ou jiVTQjioveuexe — 

[xaT]ixö>v 2,7 23 

7. HsIII, Bl 184 recto: Markus 16,12 i^ aöxöv — övöjxaxf |ioi> 16,17 • • 3' Vw 



IV 



I 



1. Die Freer-Handschriften. 

Bald nach dem Anfang des Jahres 1907 kaufte Herr Charles 
Lang Freer, aus Detroit im Staat Michigan in den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, vier griechische Handschriften in 
Grosschrift, die sehr interessant sind. Herr Freer, früher ein 
Eisenbahnmann und Fabrikant, hat sich schon lange vom Ge- 
schäft zurückgezogen und sich der Pflege der Kunst gewidmet. 
Seine Kunstsammlung übergab er der „Smithsonian Institution" 
in Washington, ein Zeichen seiner Fürsorge für das Allgemeine, 
für das Gemeinwohl. Diese Handschriften erwarb er in Kairo 
von einem Händler namens Ali Arabi, in dessen Händen Gren- 
fell und Hunt, die bekannten Papyrus-Forscher, sie schon im 
Herbst 1906 in Gizeh, der linksufrigen Vorstadt Kairos, gesehen 
hatten. Bekanntlich ist es nicht leicht die Herkunft von solchen 
Waren- mit Sicherheit festzustellen. Die ersten Finder von ver- 
muteten Schätzen wollen nicht, dass andere auf dasselbe Gelände 
hinausgehen. Daher verheimlichen sie den Fundort. Ob sie 
wissen oder nicht, dass mehr dort zu holen ist, suchen sie die 
Möglichkeit neuer Funde für sich offen zu halten. Ali Arabi 
behauptete^ die Handschriften stammten aus AkhmJm. 

Diese Stadt, die im Altertum Chemmis, nach dem Gott 
Chem, und griechisch Panopolis hiess, liegt am östlichen oder 
rechten Ufer des Nils, fast zweihundert Kilometer oberhalb Siut. 
Seit Jahren sind immer wieder neue, merkwürdige, besonders 
christliche und zwar frühchristliche Altertümer aus den Ruinen 
der alten Stadt hervorgebracht worden. Schade, dass man die 
dreissigtausend Einwohner der heutigen Stadt nicht anderswo 
ansiedeln, die ganze Stätte ausgraben und den Sand durchsieben 
kann! Hier war es, dass man 1886 das Evangelium und die 

Gregory, Versuche und Entwürfe, i. I 



2 Das Freer-Logion. 

Offenbarung des Petrus fand. Ali Arabi sagte, eine weibliche 
Bildsäule, die in dem Museum in Kairo als Nr. 381 steht, sei 
zu gleicher Zeit mit den vier Handschriften entdeckt. Ob sie 
aus einer Grabkammer oder aus einem geheimen Gelass, der 
früher mit einem Haus verbunden war, entnommen wurden, oder 
ob sie in einer Kiste irgendwo vergraben waren, weiss man nicht. 
Unsere Gedanken wenden sich am leichtesten zu einem Grab. 
Dort hätte man sie mit ihrem verstorbenen Besitzer beisetzen, 
dort aber auch in Zeiten der Gefahr zur Sicherheit verbergen 
können. 

Es ist sogar möglich, dass diese Handschriften aus einem 
Kloster in die Welt zurückgekehrt sind. Es soll vorkommen, 
dass niedere, oder auch gar höherstehende Mönche bereit sind, 
handschriftlichen und dem Kloster keinen Nutzen bringenden 
Besitz in klingendes Geld zu verwandeln. Einer der gegebenen 
Wege dann dieses Wechselgeschäft zu erledigen, wäre die Ver- 
mittlung eines in Akhmim Altertümer aufkaufenden Händlers, 
sagen wir Maklers. Die Grabkammer, das Kloster kann weitere 
* Händschriften aufbewahrt, nur so viel aber für den Augenblick 
Akhmim oder dem Händler dargereicht haben. Es ist zu be- 
merken, dass ägyptische Funde leicht nach Akhmim gelangen. 
Einmal hat der Name wegen früherer Funde dort einen guten. 
Klang. Sodann gehen Käufer häufig dahin, um Gutes zu erwerben. 
Und drittens wird durch die Abgabe in Akhmim die Spur von 
der wirklichen Herkunft abgelenkt. 

Das Vorhergehende war mit dem ganzen Heft eben im Be- 
griff in die Druckerei zu gehen, als ich Carl Schmidts Notiz vom 
3. Mai in der Theologischen Literaturzeitung, Leipzig 1908, Nr. 12, 
Sp. 359.360, zu Gesichte bekam. Dieser gewiegte Kenner der alten 
aber auch der allerneuesten Kopten hat wirklich festgestellt, dass 
diese vier Handschriften aus der Bibliothek des Schenute-Klosters 
von Atripe in der Nähe von Sohag, Akhmim gegenüber, stammen. 
Man erneuerte das Kloster, stiess auf den Bibliotheksraum, woraus 
schon früher unzählige koptische Handschriften gestohlen sind, 
und ging daran, den letzten Rest der Bücher zu veräussern. 
Schmidt hat selbst eine in alter Kursivschrift auf Papyrus 
geschriebene griechische Genesis aus der Zeit Konstantins, — 
den [i.] Klemensbrief in akhmimischer Übersetzung, — und die 
Sprüche Salomos in akhmimischem Dialekt für die Königliche 



I. Die Freer-Handschriften. ^ 

Bibliothek in Berlin, und einen griechischen Osterbrief aus dem 
Anfang des neunten Jahrhunderts, für das Ägyptische Museum 
in Berlin erworben. 

Man will natürlich immer mehr haben. Kein Fund genügt, 
und wäre er eine Bibliothek von hundert Bänden. Deshalb fragt 
man, ob die Finder nicht ihre Beute geteilt haben, um weniger 
Aufsehen zu verursachen und mehr Geld zu verdienen. Es geht 
hier wie bei der Freude: geteilter Verkauf ist doppelter Ver- 
kauf, nämlich der doppelte Preis. Eine der Handschriften 
scheint in neuerer Zeit von den ihr vorangehenden Heften ab- 
gerissen zu sein. Ist es nicht etwa der Fall, dass man einfach 
ein paar weniger schöne Blätter abgetrennt hat, — hat der da- 
malige Besitzer, ob Ali Arabi oder seine Hintermänner, wirklich 
einige Hefte abgesondert, um sie ein andermal zu verwerten, so 
dürfen wir erwarten früher oder später von ihnen zu hören. 
Dabei mag Geduld am Platze sein. Der Orientale hat selten 
grosse Eile beim Verkauf. 

Im Dezember 1907 bat Herr Freer Professor Henry A. Sanders, - 
von der Universität Michigan in Ann Arbor, die Handschrift zu 
untersuchen. Sanders hat sich dieser Aufgabe in sehr anerkennens- 
werter, gründlicher Weise unterzogen. In der Zeitschrift „Biblical 
World", Chicago, Februar 1908, S. 138—142, mit 2 Nachbildungen, 
und „American Journal of Archaeology", zweite Serie, Bd. 12, 
Nr. I, Chicago 1908, S. 49 — 55, mit fünf Nachbildungen, hat er 
einen vorläufigen Bericht über die Bände gegeben. Mit vollem 
Recht sagt er, dass das für den Augenblick genügen muss. Er 
muss sich jetzt auf die Arbeit der Herausgabe der Handschriften 
werfen; davon nachher. Die zwei Abhandlutigen lassen uns 
sicher fühlen, dass die kommende Veröffentlichung nichts, das 
erreichbar ist, entbehren wird. Ich bin ihm zu grossem Danke 
verpflichtet, dass er mir gestattet, seine Nachbildungen wieder- 
zugeben. Professor Edgar J. Goodspeed aus Chicago, der als 
geübter Papyrusforscher mit Grenfell und Hunt gearbeitet hat, 
hat diese vier Handschriften in jener Zeitschrift „Biblical World", ' 
März 1908, S. 218 — 226, besprochen und manches von Interesse 
beigebracht, das ich hier dankbar mit verwende. Ich habe auf 
diese Handschriften im Theologischen Literaturblatt, 29. Jahrg., 
Nr. 7, Leipzig, 14. Februar 1908, Sp. 73— 76 hingewiesen. Adolf 

Harnack besprach sie in der Theologischen Literaturzeitung, 

I* 



A Das Freer-Logion. 

Leipzig 14. März 1908, Nr. 6, Sp. 168 — 170. Hermann von Soden 
behandelt das Logion in Handschrift IV in der Christlichen Welt, 
190S, Nr. 20, 14. Mai, Sp. 482—486. 

Die vier Handschriften stellen uns Teile der Bibel vor, nicht 
aber einer Bibel die vom Anfang bis zum Ende von demselben 
Schreiber in gleichmässiger Weise hergestellt wurde. Denn die 
vier Bände sind, wie wir sehen werden, verschieden dem Alter 
nach, verschieden in ihrer äusseren Form und Grösse, und ver- 
schieden in dem Aussehen der geschriebenen Seiten sowie in 
dem Charakter der Schrift. Der erste Band, denn Sanders hat 
in passender Weise sie nach der Reihenfolge der biblischen 
Bücher gezählt, bringt Deuteronomium und Josua und hat gewiss 
ursprünglich den ganzen Hexateuch oder Heptateuch, die ersten 
sechs oder sieben Schriften des Alten Testaments enthalten. 
Im zweiten Bande haben wir die Psalmen. Der dritte besteht 
aus den Vier Evangelien. Und der vierte bietet uns Überreste 
der Paulinischen Briefe. Er hat aber von Hause aus auch die 
Apostelgeschichte und die Katholischen Briefe enthalten, wovon 
wieder zu reden sein wird. So viel im allgemeinen. Greifen wir 
zu den näheren Angaben, die ich bei jeder Handschrift zuerst 
verkürzt schematisch schreibe. 

Handschrift I. 

I; 4. — 6. Jahrhundert, 30,1 0111X25,9 cm, Pergament, 108 Blätter, 2 Spalten, 31 Zeilen ; 
grössere Buchstaben schwarz, ganz oder zum Teil in den Rand geschoben; Perga- 
ment mitteldick; Tinte braun; die ersten drei Zeilen eines Buches rot; Linien 
auf die Fleischseite gezogen; keine Spiritus, keine Akzente; Apostroph häufig: 
enthält Deuteronomium und Josua; das erste Blatt etwas beschädigt. Unsere Nach- 
bildungen I und 2 geben das erste Blatt des Deuteronomium und das erste Blatt 

des Josua. 

Diese Handschrift besteht aus vierzehn Heften, zwölf zu vier 
Doppelblättern oder Quaternionen, Viererheften, und zwei zu 
drei Doppelblättern oder Ternionen, Dreierheften. Vermutlich 
sind die zwei Dreierhefte am Schlüsse der beiden Bücher. Denn 
es ist Sitte, in guten Handschriften ein grosses Buch mit dem 
ersten Blatt eines Heftes angehen zu lassen. Deuteronomium 
fängt mit dem siebenunddreissigsten Heft AX und Josua mit dem 
fünfund vierzigsten Heft MG an. Die Heftzahlen stehen oben 
rechts am ersten Blatt des Heftes. 



I. Die Freer-HaadschriCteD, E 

Es fehlen also vorher sechsunddreissig Hefte. Wären das 
Vicrerhefte, hatten sie zweihundertachtundachtzig Blatter gehabt. 
Wir müssen aber in Betracht ziehen, dass um Exodus, Levitikus, 



Nachbildung 1: Hs I. Bi i: Deut i.i — xat »Imov mpij üjiSj 1,9. 

Numeri und Deuteronomium mit je einem Heft anfangen zu lassen, 
die Bücher Genesis, Exodus, Levitikus und Numeri leicht mit 
Heften einer geringeren Anzahl von Blättern schliessen konnten. 



6 Das Freer-Logion. 

Ein Buch kann mit einem Heft von sechs, eins mit einem Heft 
von vier oder fünf Blättern geschlossen haben. Bestimmen lässt 
sich das nicht Es waren früher hier zwischen zweihundertsiebzig 
und zweihundertachtundachtzig Blätter Text vorn. Ausgeschlossen 
wäre es nicht, dass irgendwelche einleitende Blätter ganz am 
Anfang vor dem Text standen. Die erste Seite des Deuterono- 
mium ist so frisch, dass man nicht umhin kann zu glauben, die 
vorhergehenden Blätter seien vor kurzem abgetrennt. Sind das. 
wie oben erwähnt, mehr als ein paar des Aussehens wegen be- 
seitigte arg beschädigte Blätter, so werden sie wahrscheinlich 
später zum Verkauf kommen. Nach dem Schluss des Josua mag 
wohl Richter gefolgt sein, obschon die ersten sechs Bücher allein 
recht gut möglich wären. 

Das Pergament ist von mittlerer Stärke. — Wir müssen 
dazu gelangen, das Pergament auch nach seiner Dicke zu prüfen, 
Die Blätter des Codex Sinaiticus habe ich in den Blättern des 
Friderico-Augustanus gemessen. Sie sind etwa fünfzehn Hundert- 
stel eines Millimeters dick. — Es ist gut geglättet. Die dunkel- 
braune Tinte ist nur wenig verblasst 

Die Liniirung ist bemerkenswert. Erstens ist sie, griechisch 
genommen, auf die falsche Seite des Pergaments vorgenommen, 
denn sie ist auf der Fleischseite. Zweitens aber bietet sie oben 
zwei bis drei Linien für jede Zeile, dann aber nui* eine Linie für je 
zwei Zeilen der Schrift. In dieser Hinsicht gleicht sie zum Teil 
der grossen vatikanischen Handschrift, dessen Linien ich leider 
noch nicht habe vollständig untersuchen können. Senkrechte 
Linien begrenzen die Spalten. 

Die Schrift ist gut und regelmässig. Goodspeed, ein aus- 
gezeichneter Paläograph, meint, dass sie der Schrift einer Homer- 
handschrift im Britischen Museum auffallend ähnlich ist. Es ist 
dies., die Handschrift „Additional" 17,210, der in der zweiten 
Series der „Palaeographical Society", Faksimiles Bd. i, London 
1884 — 1894, Tafel 3, nachgebildet und dem sechsten Jahrhundert 
zugewiesen ist. Jacob La Roche, Homerische Textkritik im 
Altertum. Nebst einem Anhang über die Homerhandschriften, 
Leipzig 1866, S. 454. 455, sagt darüber: „Das Alter dieses Codex 
wird verschieden angegeben, die Ansichten differieren zwischen 
dem vierten und siebenten Jahrhundert: dass er jünger ist als 
der Ambrosianus [den La Roche, S. 450, 5.— 6. Jahrhundert datirt] 



I. Die Freer-Handschriften. *j 

ist sehr wahrscheinlich, dass er weder dem vierten noch dem 
fünften Jahrhundert angehört, so ziemlich gewiss." 

Die Möglichkeit der Vergleichung der zwei Schriften in den 
zwei Nachbildungen ist natürlich nicht sehr gross, wenn auch 
alle Buchstaben in beiden vertreten sind. Doch möchte ich 
nicht meinen, dass die Ähnlichkeit der zwei Schriften so auf- 
fallend ist, wie Goodspeed behauptet Aus derselben Schule sind 
sie ohne Zweifel. Doch hat jede der zwei Schriften bei fast jedem 
Buchstaben ihre Eigenheit. Es würde zu weit führen, meine 
Aufzeichnungen über jedes Zeichen zu geben. Sehen wir ein paar 
an. Delta im Homer hat den wagerechten Strich gerade und 
mit einem dicken Klotz unten links. Im Josua fängt dieser Strich 
fast immer nach oben zu, von oben her links an, und wird fein 
geschwungen. Übrigens ist derselbe zart geschwungene Strich 
als oberer Strich für ein nach oben heraustretendes Tau in der 
ersten Spalte, fünf Zeilen von unten zu sehen, und Tafel i, 
Sp. I, Z. 14, Sp. 2, Z. 9 und 13 und 19. 

Der Homer neigt dazu den Kreuzstrich in Eta tiefer, der 
Josua ihn höher zu ziehen. — Das K im Homer hat den oberen 
Strich des Winkels ganz anders wagerecht als im Josua, — Bei 
Lambda wie bei Delta ist der linke Strich des Winkels im 
Homer derber, dicker- als im Josua. — Der Homer bietet ein 
wagerechtes Omikron, wenn das verständlich ist. Der Josua 
lässt die rechte Hälfte dieses Buchstabens höher stehen. — Tau 
ist derber im Homer und besteht wie Delta auf einen dicken 
Klotz nach unten links. Schliesslich ist Chi aus ganz verschieden- 
artigen Strichen in den zwei Handschriften gebildet. 

Ein weiteres Zeichen für die Herkunft der Handschrift aus 
derselben Schreibschule liegt in der oben erwähnten Liniirung. 
Goodspeed wies auf die Eigentümlichkeit der Homer-Liniirung, 
wusste aber noch nicht wie diese bei Deuteronomium-Josua sich 
verhielt. Sanders' zweiter Artikel zeigte dann, dass Goodspeed 
recht gehabt hatte, eine ähnliche Liniirung zu erwarten. 

Jene Handschrift im Britischen Museum rührt von dem 
syrischen Kloster der Maria der Gottesgebärerin in der nitrischen 
Wüste etwa 112 Kilometer nordwestlich von Kairo her. Sie ist 
am Anfang des neunten Jahrhunderts mit einer syrischen Über- 
setzung einer Abhandlung von Severus von Antiochien über- 
schrieben worden. Man hat vermutet, dass der Band mit einer 



g Das Freer-Logion. 

Menge anderer durch Moses von Nisibis aus Nisibis dahin, nach 
dem Marienkloster, im Jahre 932, gebracht wurde. Ich weiss 
noch zu wenig von Schulen der Schrift, um eine Meinung zu 
haben. Aber ich sehe im Griechischen keine Zeichen von syri- 
scher Herkunft Daher würde ich mit Kenyon eher glauben, 
die assyrischen Mönche hätten diese Handschrift in Ägypten er- 
halten und selbst dort das Syrische darüberweg geschrieben. 

Wir sind aber noch nicht mit jenem Bande 17,210 und 
seinem Nachbar 17,211 im Britischen Museum fertig. Er ist 
natürlich ein Band des Severus gewesen. Der syrische Schreiber 
nahm aber als Beschreibstoff nicht nur jene Blätter aus einer 
Homerhandschrift, sondern auch achtundvierzig Blätter aus einer 
Handschrift des Lukasevangeliums, das will sagen, aus einer 
Handschrift der Vier Evangelien, des sechsten Jahrhunderts. 
Diese Blätter, die die Evangelienhandschrift R bilden, sind fast 
so gross wie die Blätter des Deuteronomium-Josua. Ihr Text 
ist sehr gut und darf wahrscheinlich als mit dem Text, der im 
Deuteronomium-Josua vorliegt, verwandt gelten. 

Man fragt sich, ob diese Freer-Handschrift in alter Zeit oder 
auch im Jahre 1906 die Mauern jenes Klosters verlassen hat. 
Die blasse Möglichkeit ist nicht zu verneinen. Ich finde es aber 
nicht wahrscheinlich. Ich würde es so ausdrücken: Diese Freer- 
Handschrift mag wohl ursprünglich nicht weit von der Homer- 
Handschrift entstanden sein. Sie braucht aber nicht die Reise 
nach dem Marienkloster angetreten zu haben. Was neuerer 
Zeit angeht, so hat Alfred J. Butler of Brasenose, der jenes 
Marienkloster sowie andere in derselben Gegend besuchte, keine 
Handschriften von Interesse auftreiben können. Er erzählt dar- 
über in seinem Buch: „The ancient Coptic churches of Egypt", 
Oxford 1884, in zwei Bänden, siehe Bd. i, S. 286—340, besonders 
S. 315. 316. 333. Vielleicht gelingt es später eine gemeinsame 
Vergangenheit für diese Handschriften, den Homer, den Lukas, 
und das Deuteronomium-Josua nachzuweisen und aufzuhellen. 

Kehren wir zu der Schrift dieses Freer-Codex zurück. Ein 
und derselbe Schreiber scheint das Ganze geschrieben zu haben. 
Sanders bemerkt lediglich, dass die Verwendung der grossen 
Buchstaben im Josua etwa freier wird. Solche Verschiedenheiten 
können bei dem einen Schreiber vorkommen. Es ist auch nicht 
ausgeschlossen, dass die Vorlage schon die vermehrten grossen 



I. Die Freer-Handscbriften. 



9 



Buchstaben enthielt Die in den biblischen Handschriften aller 
Jahrhunderte üblichen Abkürzungen begegnen auch hier. Die 
üblichen zwei Punkte über i und u begegnen. Es ist bezeich- 
nend für das Alter und für die Güte der Schrift, dass die am 
Schluss der Zeilen sich befindenden kleinen Buchstaben keine 
der von links nach rechts oder wagerecht zusammengezogenen 
und verengten Formen bieten. Korrekturen durch spätere Hände 
kommen selten vor; zu vergleichen ist Tafel 2, Spalte i, Zeile 2 
Schluss, wo das Wort S06X0U ergänzt ist. 

Es ist nicht leicht für einen Paläographen, das Alter einer 
Handschrift aus einer Nachbildung allein, zu bestimmen. Ich 
wäre geneigt, weiter zu gehen und zu sagen, dass kein Mensch 
mit Sicherheit eine undatirte griechische Handschrift datiren 
kann, auch wenn er das Pergament sieht und fühlt, die Tinte 
vor sich hat, und das Ganze vom Kodex auf sich einwirken 
lässt. Ferner ist daran zu erinnern, dass ein Paläograph immer 
mit grösserer Leichtigkeit eine Handschrift, die er selbst nicht 
entdeckt hat, später ansetzen kann. Sanders war, als er die 
erste Beschreibung dieses Kodex entwarf, der Meinung, dass er 
vom vierten oder fünften Jahrhundert wäre. Vorderhand stimme 
ich eher für das fünfte Jahrhundert. Vielleicht würde ich anders 
denken, wenn ich den Band vor Augen hätte. 

Jeder Leser kann für sich ein wenig von d^m Texte dieser 
Handschrift vergleichen, jene zwei ersten Seiten des Deuterono- 
mium und des Josua. Folgendes habe ich dort bemerkt bei 
Vergleichung mit der Ausgabe von Swete: 

Deuteronomium: Aufschrift; 8£UTepov6|itov mit BA 1,1 xal 
yoqpoX' statt zo^oX \ auXtbv 2xwpYjß' | ayjelp' 3 und 4 stark be- 
schädigt S{i(0(iß' I |i(oafi$ obschon in Vers i {KOüafj^ öxwpYjß' 
der Apostroph ist hier sehr hoch, scheint aber deutlich zu sein 
ybpi I ob nicht vOv nach ^emoxpdc^rize steht? | staTcopeueafrac | 2ü)$ 
Toö [iEfdXo\j Tcoiafioö eOqppocxou allein 8 hier hat eine spätere Hand 
dpx für ipxif) zum Anfang eines Lesestücks an den Rand ge- 
schrieben cSexe* I 7capa5£5<i)xa mit AF \ tcJ) loaax mit B^^AF | 
xal T(j) caxwß' mit AF gelizoy 

Josua: Aufschrift: irioo^q mit BF i nach [icdüo^ hat sie 
So[uXou spätere Hand] xuptou mit F und dann yuxi mit A | £7]OgO 
mit AF I statt ÖTuoupyq) hat die Handschrift Xscxoupytj) mit A 
3äv zweite Hand 4Ttjv dvxtXtßavov 5 svxaxaXet^xo öiTcoStaoxsXetg 



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Das Freer-Logion. 




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Nachbildung 2 : Hs I, ßl 63(?): Jos i,i — '^^•^^w^\)^b4%\ i,8. 



I. Die Freer-Handschiiften. 1 1 

mit AF 7^] (statt ouSi) mit AF Saüxw (statt aöxf^) mit B»^AF | 

auvfi? (statt £t5^^ö ^^^ AR 

Ferner finden wir bei Sanders zur Kennzeichnung des Textes 
folgende Angaben. Er verglich dreiunddreissig Verse am An- 
fange des Deuteronomium mit den Lesarten des Codex Alexan- 
drinus oder A des fünften Jahrhunderts, des Codex Vaticanus 
oder B des vierten Jahrhundert, und des Codex Ambrosianus 
oder F des fünften Jahrhunderts. Es stellte sich heraus, dass 
dabei diese Handschrift fünfundzwanzig eigene Lesarten hat, wo- 
von zwölf itazitische Fehler und die übrigen, mit wenigen Aus- 
nahmen unbedeutende Abweichungen sind. Bei bestrittenen 
Stellen geht diese Handschrift vierundzwanzig Mal mit dem 
Vaticanus allein, gegen die beiden anderen. Mit dem Alexan- 
drinus geht es drei Mal, und mit dem Ambrosianus nur ein einziges 
Mal. Bei Übereinstimmung mit zwei der drei Handschriften 
gegen den dritten, stimmt sie am häufigsten, nämlich fünfzehn 
Mal, mit dem Alexandrinus und dem Ambrosianus. Mit den 
anderen Paaren stimmt sie sechs und sieben Mal. 

Der Anfang, anderthalb Kapitel, von Josua, ähnlich be- 
handelt, gab folgende Aufschlüsse: Diese Handschrift stimmt 
mit B allein sieben Mal, mit A allein zweiundzwanzig Mal, mit 
F drei Mal, mit AB dreiunddreissig Mal, mit BF zwanzig Mal, 
mit AF einundzwanzig Mal. Sie hat nur elf eigene Fehler, alle 
unbedeutend. Sie steht dem Codex Alexandrinus am nächsten, 
ist aber besser als er. Am häufigsten, nämlich achtzig Mal, 
unterscheidet sie sich von dem Codex Ambrosianus. 

Aus diesem Vergleich der Handschrift mit jenen anderen 
drei Handschriften, die aus frühen Jahrhunderten stammen, geht 
deutlich hervor, dass ihr Text einem hohen Alter entspricht. 
Sie erobert für sich sofort eine ansehnliche Stellung unter diesen 
besten Zeugen für den griechischen Text des Deuteronomium 
und Josua. Es ist aber nicht zu verkennen, dass die Beschaffen- 
heit des Textes in den zwei Büchern verschieden ist. Sanders 
schreibt mir, dass diese Verschiedenheit durch die zwei Schriften 
hindurch zu gehen scheint. Er fügt bei, dass in den Eigen- 
namen Josua der Überlieferung des Codex Alexandrinus sehr 
nahe steht. 



D»i Freer-Logion. 



Handschrift IL 

II: 4. JahrhundErt, jetzt 31,7 cmX 24 cm, Pergamenl, 90? Blätter, I Spalte, 30 Zeilen; 
keine grosse Buchstaben; Tinte duokelbraua ; Nummern und Aufschiifteo der Psalmen 
rot; keine Spiritus, keine Akzente; „bisweilen ein Strich über dem ersten Vokal 
eines Wortes"; keine Interpunktion; Nachbildung Tafel 3. 
Diese Handschrift harrt noch seiner vollständigen Beschrei- 
bung. Sie ist zum Teil sowohl wurmstichig und verfault wie 
auch zusammengeklebt Sanders urteilte mit Recht, dass man 
sie möglichst ungestört bleiben lassen sollte, bis es möglich 



NHchbtldung 8: Hs II, Bl? Ps 121,9 — noXu 4[ii;X'rj*uv8T]|iEvl 121,3. 

wird, Blatt fiir Blatt, so wie es abgelöst ist, aufzuziehen oder 
zwischen Glas zu befestigen und zu photographiren. Es ist 
eine Pergamenthandschrift von den Psalmen. Keine Seite bleibt 
ganz, doch hofft Sanders viel aus jedem Psalm zu gewinnen. 
Er erwartet gegen neunzig Blätter retten zu können. Die Nach- 
bildung zeigt uns wie schön diese Handschrift ursprünglich ge- 
wesen sein muss. 

Die Schrift ist gross und aufrecht, Sanders meint vom 
vierten Jahrhundert Er hält diese für die älteste der vier Hand- 
schriften. . Die letzten sieben Blätter sind von einer viel späteren 



I. Die Freer-HandschrifteD. 



13 



Hand und vertreten anscheinend eine Ausbesserung der Hand- 
schrift etwa um das Jahr 600 nach Christi Geburt. Die Schrift 
ist ein wenig nach rechts geneigt und die Buchstaben z%'0O sind 
eng und lang ausgezogen. Den hundertfunfzig Psalmen mit der 
Unterschrift (pceX^iOC pv, wird der in den Handschriften übliche 
hunderteinundfunfzigste hinzugefügt. Darauf haben dann, wenig- 
stens nach jener Ausbesserung, die Hymnen gestanden. Ein 
Teil der ersten Hymne ist erhalten. 

Aus der Nachbildung 3 ersehen wir, dass diese Handschrift 
Psalm 121 [122], Q^yaS-i aot liest mit «<^»RT. Sanders verglich 
Psalm 149 und 150 mit Swete*s Ausgabe und fand, dass diese 
Handschrift siebzehn Fehler von «, neun von A, fünf von R, 
und fünf von T nicht teilt. Sie stimmt nie mit B oder A oder 
R allein gegen die übrigen Zeugen. Sie teilt einen Fehler mit 
b( und drei mit T, „In den übrigen drei Fällen, wo sie sich von 
B unterscheidet, wird sie durch zwei oder mehr der anderen 
Handschriften unterstützt" Ohne genau mit B übereinzustimmen, 
hat sie eine starke Ähnlichkeit mit ihm. Sie scheint besser als 
die übrigen Grosschriften der Psalmen zu sein, 

Handschrift IIL 

III: 4. — 5. Jahrhundert, 20,8 cmX 14,3 cm, Perg, 184 Blätter, l Spalte, 30 Zeilen: 

enthält Matthäus, Johannes, Lukas, Markus. 

Um bei dem AUeräusserlichsten anzufangen, ist zuerst zu 
bemerken, dass unter den Handschriften der Vier Evangelien, 
so weit ich mich besinnen kann, diese Handschrift darin allein 
steht, dass sie bemalte Holzdeckel hat, Sanders ist sicher, dass 
diese Deckel nicht den ursprünglichen Einband gebildet haben, 
doch datirt er sie mit dem Anfang des siebenten Jahrhunderts. 
Nachbildung 4 stellt diese zwei Deckel uns vor. Da allein der 
Name Markus, M^^pKoc, an der oberen rechten Ecke des Vorder- 
deckels teils zu lesen, teils zu ahnen ist, entsteht die Frage, wie 
die Evangelisten auf diesen zwei Deckeln geordnet sind. Es wäre 
denkbar, dass die Reihenfolge der Evangelien im Bande hier 
draussen nach Masstab des geöffneten Buches mit den Deckel- 
gemälden gegen die Gemeinde gerichtet befolgt wurde. Dann 
müsste Matthäus links am Hinterdeckel stehen. Die durch Rei- 
bung beim Hinlegen fast gänzlich verwischte Gestalt neben ihm 



JA Das Freer-Logion. 

stellte darauf Johannes dar. Und die zwei vortrefflich erhaltenen 
Gestalten auf dem Vorderdeckel wären Lukas und Markus. 



spricht die kirchliche Sitte, an die seit Jahrhun- 
derten die griechische Kirche gebunden ist, nämlich dass der 



I. Die Freer-Handschriften. jc 

Vorderdeckel eines Evangelienbuchs — ich rede jetzt von einem 
Lesebuch, von einem Band, der die Lesestücke aus den Evan- 
gelien enthält — der Ehrendeckel ist. Der Hinterdeckel mag 
den Schmuck nicht ganz und gar entbehren, weist ihn aber nur 
in sehr bescheidenem Sinne auf. Der Vorderdeckel, der beim 
Vorzeigen des geschlossenen Evangeliums an einem Hauptpunkt 
im Gottesdienst den Zielpunkt aller Augen in der Gemeinde 
bildet, während der Geistliche mit lauter Stimme ao^fa öpö"/j 
„Wahre Wahrheit I" ausruft, — dieser Vorderdeckel weicht im 
Schmuck, im Glanz und in Kostbarkeit seines Silber-Belages 
oder Figuren und seiner Edelsteine, wenn irgend etwas, höchstens 
dem Gerät für das Abendmahl. Genug. Es ist dann, von diesem 
Gedanken ausgehend, schwer zu glauben, dass die zwei jungen 
Aposteltrabanten diesen Ehrenplatz einnehmen, und den wirk- 
lichen, grossen Aposteln den minder ruhmvollen Platz auf dem 
anderen Deckel zuweisen sollten. 

Man könnte auf die übliche Reihenfolge der Evangelien zurück- 
kommen, und vorschlagen, den Vorderdeckel haben Matthäus und 
Markus, den hinteren Lukas und Johannes inne. Das würde 
wieder mit dem Namen Markus, wo er steht, zu vereinen sein. 
Ein Blick auf die Gestalten selbst, die drei noch erhaltenen, 
scheint dies zu verbieten. Ja, wir müssen sogar sagen, dass wenn 
der Maler, wie Sir Joshua Reynolds, seine Farben „mit Gehirn" 
gemischt und angelegt hat, der Name Markus an der betreffenden 
Stelle entschieden falsch ist. 

Denn, Markus aber auch Lukas ist jung, und die beiden 
Apostel sind alt. Nun können wir zwar die eine Gestalt auf dem 
Hinterdeckel nicht mehr beurteilen, doch bieten uns die drei er- 
haltenen einen Anhalt für ein Urteil. Auf dem Vorderdeckel, 
soweit man aus der Photographie schliessen kann, — besonders 
da wir voraussetzen dürfen, dass die weisse Farbe aufgetragen 
und nicht eine Folge der Abreibung im Gebrauch ist, — steht 
links ein jüngerer Mann mit schwarzem Bart und Haar, rechts 
ein älterer Mann mit graumelirtem Bart und Haar. Auf dem 
beschädigten Hinterdeckel sehen wir ebenfalls links einen jüngeren 
Mann mit schwarzem Haar und Bart, und die dürftigen Über- 
reste der Gestalt nach rechts scheinen auf eine Figur wie die 
Fissur rechts auf dem Vorderdeckel hinzudeuten. 

Ferner ist zu beobachten, dass die eine Figur rechts im 



l6 Das Freer-Logton. 

Gegensatz zu den zwei, die links stehen, — und die Überreste 
der anderen rechtsstehenden Gestalt deuten darauf, dass sie ihrem 
Gegenstück treu ist, — eine selbständigere Haltung hat. Die 
beiden linksstehenden haben beide Hände mit ihrem Gewand be- 
deckt und halten steif das geschlossene Evangelienbuch vor der 
Brust. — Man bemerke auf allen drei Büchern die Verzierungen 
und Edelsteine. — Dagegen hat die rechtsstehende Gestalt die 
linke Hand zwar durch das Gewand verhüllt unter dem Buch> 
die rechte Hand aber völlig frei mit den Fingerspitzen an die 
obere Ecke des Buches gelegt. Diese Verhüllung der Hände 
wird gewiss die Leser befremden, die sich bis jetzt mit der alt- 
christlichen Malerei nicht beschäftigt haben. Ich lege die Ver- 
hüllung als Ehrfurchtsbezeugung aus, als Vermeidung der Berüh- 
rung des heiligen Gegenstandes mit der blossen Hand. Moderne 
Handschuhe haben zwei Bestimmungen, einmal um die Hände 
rein zu halten, sodann umgekehrt um etwas vor der Berührung mit 
der blossen Hand zu schützen, wie beim Tanz das Kleid der Dame 
vor der feuchten Hand des Tänzers geschützt werden soll. In 
unserem Bilde entspricht die Verhüllung dem zweiten Sinn des 
Handschuhs. Ähnliche Verhüllung kann man bei den Abend- 
mahlbildem im Codex Rossanensis sehen, wozu man die Bilder 
bei Haseloff und Muiioz vergleichen kann. Es ist aber daran 
zu denken, dass es der ältere und reifere Mann jedes Paares ist, 
der eine Hand frei von der Umhüllung hat. 

Wie steht es nun bei der Reihenfolge der Evangelisten? 
Dürfen wir annehmen, dass der Künstler mit verständigem Ge- 
fühl und sinnendem Pinsel Matthäus und dann Johannes die ehr- 
würdigen Apostel, schliesslich Lukas und Markus die jüngeren 
Begleiter malte? Gar nicht. Denn die erste Gestalt und die 
dritte Gestalt ist jung, dagegen vermutlich die zweite und ganz 
klar die vierte ist alt. Was die gewöhnliche Reihenfolge der 
Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, angeht, so würde 
zwar die dritte Figur für den jüngeren Lukas und die vierte für 
den älteren Johannes passen. Dafür würde aber die erste Figur 
nicht für den älteren Matthäus, ebensowenig die zweite vermut- 
lich ältere für den jüngeren Markus richtig sein. 

Dazu ist zu sagen, dass wir bei dieser frühchristlichen Kunst 
nicht erwarten dürfen, historische Genauigkeit wie auf der Mei- 
ninger Hofbühne zu finden. Ich habe in der Theologischen 



I. Die Freer-Handschriften. 



17 



Literaturzeitung, Leipzig, 1907, Sp. 548 — 550, auf Nachlässigkeit des 
Malers des Codex Rossanensis aufmerksam gemacht. Und das 
war feine Malerei auf Pergament innerhalb einer Handschrift, 
nicht auf dem Deckel. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass der 
Maler dieser beiden Deckel einfach eine doppelte Wiedergabe 
eines einzelnen Evangelistenpaares, das er vor Augen hatte, ge- 
malt hat. Es müssen die zwei in jenem Falle Lukas und Johannes 
gewesen sein, da der ältere rechts steht. Die Figuren einmal 
angebracht, hat er oder ein anderer die Namen, und zwar nach 
der Ordnung der Evangelien in dieser Handschrift, beigeschrieben. 
Daher kommt es, dass weder Matthäus noch Markus, weder der 
erste noch der vierte, die richtige Gestalt erhalten hat. 

Um aber die Möglichkeit einer anderen Auffassung offen zu 
lassen, weise ich auf die Stellung der Personen zu einander in 
jedem der Paare. Die rechte Seite ist die Ehrenseite. Fasste 
man die Bestimmung dieser Ehrenstellung von dem eigenen 
Standpunkt der Figuren auf, so stünde beides Mal der jüngere 
Mann an dem Ehrenplatz, und das ist widersinnig. Es erhellt 
dann daraus, dass die Ehrenanordnung vom Standpunkt des Be- 
schauers aus zu berechnen ist. Dann haben wir hier auf jedem 
Deckel einen Apostel rechts, und links von jedem, von uns aus, 
seinen Begleiter. Freilich bleibt dabei die unmögliche Bezeich- 
nung des älteren Mannes als Markus. Soweit über diese wich- 
tigen Deckel. 

Das Pergament dieser Handschrift ist augenscheinlich dünn. 
Denn auf Nachbildung 7, vgl S. 31, sieht man Z. 8 rechts die Buch- 
staben GKAG2.I, die von der anderen Seite durchscheinen. Und 
auf Nachb. 5, vgl S. 18, wo man jenes ix8e§t findet, ist die Schrift von 
der vorhergehenden Seite, der anderen Seite des Blattes so deut- 
lich zu erblicken, dass ich, ehe die März- Abhandlung kam, mit 
dem Handspiegel die Zeilen und manches Wort von dem be- 
deutendsten Teil der Seite feststellen konnte. Über die Liniirung 
verlautet noch nichts. 

Die Hefte sind, wie zu erwarten ist, Viererhefte. Doch 
kommen Hefte von vier, fünf und sechs Blättern vor. Dazu ist 
das oben bei der ersten Handschrift gesagte zu vergleichen. Ich 
vermute hier, ähnlich wie dort, dass diese Hefte am Schlüsse der 
Bücher sind, und zwar zum Zweck, das nächste Buch mit dem 
Anfang eines Heftes angehen zu lassen. — Die Heftnummera 

Gregory, Versuche und Entwürfe, i. 2 



NachbUdung 6: Hs HI, Bl 184 v; Mk 16,17 iaitiivia — i|iTiv 16,3t 



I. Die Freer-Handschriften. m 

sind nur selten zu sehen und dann befinden sie sich ganz am 
Rande des Blattes. Die übrigen, was leider unzählige Male in 
Handschriften vorkommt, sind wahrscheinlich bei einem noch- 
maligen Binden abgeschnitten. — Von der Tinte hören wir nichts. 
Nach den Photographien zu urteilen muss sie ziemlich dunkel 
sein. Dann und wann, selten, hat eine spätere Hand mit hellerer 
Tinte Korrekturen angebracht. Ich möchte dabei die Bemerkung 
nicht unterlassen, dass ich vielfach geneigt bin, die hellere Fär- 
bung der Tinte bei Korrekturen nicht einer anderen Zusammen- 
setzung der Flüssigkeit zuzuschreiben, sondern dem Umstand, 
dass der Korrektor die Zusätze rasch mit Sand löschte, ehe er 
weiter ging. 

Die Schrift, wie die Nachbildungen zeigen, neigt ein wenig 
nach rechts. Sanders setzt sie ins fünfte oder sechste Jahrhundert. 
Goodspeed vergleicht sie mit dürftigen Überresten von Korrek- 
turen oder Zusätzen am Rande des Amherst-Papyrus der Himmel- 
fahrt des Jesaias (Grenfell, B. P. und Hunt, A. S., Amherst Papyri, 
Teil I, London 1900, S. 3, Tafel 4. 5. 6), die dem Schlüsse des 
sechsten Jahrhunderts zugewiesen werden. Sehr wichtig ist es, 
dass Grenfell, der diese Freer-Handschrift genau untersucht, 
Goodspeed mitgeteilt hat, er halte sie für nicht jünger als das 
fünfte Jahrhundert, sie dürfe sogar dem vierten angehören. Die 
Nachschrift ebayyiXioy xaxcc [xapxov ist nicht von derselben Einfach- 
heit wie das xaxa [lapxov des Sinaiticus, sondern die übliche Nach- 
schrift für die anderen, späteren Grosschriften der Evangelien. 

Sanders zeigt, dass der Schreiber dieser Handschrift recht 
nachlässig geschrieben hat. In den zwei ersten Kapiteln des 
Matthäus gibt es sechsunddreissig Flüchtigkeitsfehler, Itacismen, 
Metatheses und Dittographie. Der von dem Exemplar über- 
nommene Text ist recht gut. Jene beiden Kapitel weisen dreissig 
bestrittene Lesarten auf. Unter diesen stimmt diese Handschrift 
dreizehn Mal mit Syrischen Zeugen, zwei Mal mit den sogenannten 
Westlichen und acht Mal mit den Vorsyrischen keiner Familie. 
Zu gleicher Zeit hat sie drei besonders gute Sonderlesarten, Les- 
arten, die sonst gar nicht oder nur höchst selten vorkommen. 

Die Reihenfolge der Evangelien: Matthäus, Johannes, Lukas, 

Markus stimmt mit der des Codex Bezae oder D des sechsten 

Jahrhunderts überein und begegnet ferner in der Münchener 

Grosschrift X vom zehnten Jahrhundert, in der Venediger Klein- 

2* 






20 I^s Freer-Logion. 

Schrift 309 (in meinen Prolegomena zu Tischendorf, und danach in 
der Textkritik, S. 854, in völlig rätselhafter Weise „ 594" bezeichnet), 
in der Titel der Verse des Gregor von Nazianzus in Ew 536, in der 
gotischen Übersetzung und in den Apostolischen Konstitutionen. 
Diese Reihenfolge weist auf eine Verbindung dieser Handschrift 
mit dem Überarbeiteten Text des zweiten Jahrhunderts. In um- 
gekehrter Richtung bildet diese Handschrift, die fest mit dem 
Osten verbunden erscheint, einen weiteren Grund, um die übliche 
Benennung jenes Überarbeiteten Textes als „Westlich" entschieden 
abzuweisen. Noch ein Wort zu jenem Text, ehe wir weiter gehen. 

Irre ich nicht, so wird dieser Überarbeitete Text häufig für 
mehr konzinn, konsequent, einheitlich, und folgerichtig gehalten, 
als Westcott und Hort gewollt haben, und als die Zeugen ge- 
statten. Es scheint selbstredend zu sein, dass ein solcher in 
allen möglichen Provinzen Überarbeiteter Text, chamäleonartig 
sich in verschiedenen Bezirken verschieden gestaltet haben wird. 
Der Zweck dieser Bemerkung an dieser Stelle ist, der Neigung 
Einhalt zu tun, die Zugehörigkeit eines neuaufgefundenen Zeugen 
zu diesem Texte von dem Vorhandensein oder dem Fehlen dieser 
oder jener einzelnen Lesart abhängig sein zu lassen. Der folgende 
Satz ist etwas anspruchsvoll, doch wäre ich geneigt zu sagen: 
Weist ein Zeuge keine oder nur wenige Zeichen späterer Les- 
arten auf, und bringt er unkünstliche, altertümliche Änderungen, 
besonders Zusätze zu Tage, so ist er vermutlich insofern mit dem 
Überarbeiteten Text zu verbinden. 

Gleich im ersten Kapitel des Matthäus, Vers 18, bringt diese 
Handschrift eine Lesart, die bis dahin in keiner Grosschrift zu 
finden war. In diesem Verse lesen der Sinaiticus und der Codex 
Ephraemi oder C, wie auch sonst ein Dutzend jüngerer Gross- 
schriften: ToO 5s frjooO xpcoTOö 'fi rheaiq oder ysvvTjacg oötcd^ ^v. 
Der Codex Vaticanus oder B, nebst einer Stelle in der Über- 
setzung des Origenes, liest statt iyjgoö xP^^'^^O, umgekehrt xpt<^oO 
iTjooO. Die altlateinische Übersetzung, die Vulgata, die curetonisch- 
syrische Übersetzung und eine Form der persischen haben bloss 
XptoToO. Nach der Übersetzung erhärtet Irenäus diese Lesart 
folgenderweise: „Matthäus hätte sagen können: Jesu Geburt war 
aber so: doch sagt der heilige Geist, die Fälscher im voraus er- 
blickend und ihrem Betrug vorbauend: Christi Geburt war aber 
so." Dagegen schreibt eine Kleinschrift, 74, vom dreizehnten 



I. Die Freer-Handschriften. 21 

Jahrhundert in Oxford, bloss EtjgoO und diese Lesart begegnet 
wieder in einer Form der persischen Übersetzung und in den 
Zwiegesprächen Maximus des Bekenners, eines Konstantinopoli- 
taners, der im Jahre 662 starb. Diese ist die Lesart unserer 
Handschrift. 

Es läge auf der Hand zu sagen, diese zwei griechischen 
Handschriften hätten aus Versehen yjpiazo^ weggelassen. Das 
glaube ich nicht. Es ist eine Regel der Kritik, dass wenn zwei 
Worte in den Zeugen ihre Reihenfolge wechseln, die Unechtheit 
des einen oder des anderen zu vermuten ist. Die Wahrschein- 
lichkeit, dass eins der Worte eingefügt wurde, ist grösser, wenn 
tatsächlich einige Zeugen eins^ weglassen. Überlegt man diesen 
Satz, kommt man zum Schlüsse: 1. dass xptoxoö nicht als Urles- 
art anzunehmen ist. Das ist die spätere amtliche, nicht die 
frühere persönliche Benennung. 2, dass Ctjgoö als Urlesart an- 
zusehen ist. Die Lesart JtjgoO erklärt am besten die schwankende 
Bezeugung. 3. dass xpt^'coO ein ausschmückender Zusatz ist, wie 
mehrfach sonst im Neuen Testament, wo ursprünglich nur Irioo^ 
stand. 

War jene Lesart ein Zeichen des Alters, der Güte, der Selb- 
ständigkeit, verrät die nächste, die Sanders mitteilt, weniger hohe 
Eigenschaften. Denn diese Handschrift hat die Lobpreisung 
Matt 6, 13 am Schluss des Vater Unsers. In welcher Form wissen 
wir noch nicht. Das ist ein Zusatz, der an die syrische amtliche 
Behandlung des Textes erinnert Ebenso spricht das Vorhanden- 
sein der zweifelhaften Worte Matt 16, 2. 3 weniger zu Gunsten 
des Textes. Die nächsten Lesarten, die nächsten drei Aus- 
lassungen, sind dagegen eher Zeichen der Selbständigkeit und 
Ursprünglichkeit: sie sind Luk 6, 5 der Menschensohn Herr über 
den Sabbat, Luk 22, 43. 44 der Blutschweiss, und Luk 23, 34 Vater 
vergib ihnen. Das Zünglein an der Wage wendet sich zurück, 
wenn wir finden, dass Luk 24, 12, wo Petrus zum Grab läuft und 
die Gewänder sieht, vorhanden ist. Es ist wahr, dass i^AB und 
sechszehn andere Grosschriften^den Vers haben. In demselben 
Kapitel, Luk 24, 36. 37. haben wir wieder eine von «AB und fünf- 
zehn Grosschriften bezeugte Lesart, die doch vielleicht nicht ur- 
sprünglich ist. Diesmal aber erweitert unsere Handschrift die 
Lesart jener achtzehn, nach -Art von den Grosschriften G und P 
und liest: „Ich bin es. Fürchtet euch nicht. Friede sei euch." 



22 I^as Freer-Logion. 

Diese Reihenfolge der Worte ist eigen. Das Vorhergehende ist 
aus Joh 6, 20, das zweite aus Joh 20, 19. Ähnlich hat diese Hand- 
schrift Luk 24, 40, einen Vers, der aus Joh 20, 20 fliesst, die Vor- 
zeigung der Hände und der Füsse. 

Schliesslich spricht die Weglassung von Joh 5, 4 dem Engel 
bei Bethesda, für Güte des Textes, und ähnlich das Fehlen von 
Joh 7, 53 — 8, II. Goodspeed nennt dieses Fehlen „nicht West- 
lich", in meinen Ausdrücken „nicht Überarbeitet". Da möchte 
ich auf das oben Gesagte hinweisen. Dieser Abschnitt brauchte 
eben nicht in jedem Bezirk in dem Überarbeiteten Text zu stehen, 
so sehr auch er ohne Zweifel jenem Text zugehört. Wir werden 
aber ganz anders über dies alles urteilen können, wenn der 
ganze Text vorliegt. Sanders schreibt mir, dass beim weiteren 
Vergleich, derselbe allgemeine Charakter bestehen bleibt, und 
dass nicht viele der sogenannten Westlichen Lesarten begegnen. 

Die hervorragende Eigentümlichkeit dieser Handschrift liegt 
in dem Schluss des Markusevangeliums, den wir gleich nachher 
in der zweiten Abteilung dieses Heftes ausführlich betrachten 
wollen. 

Es verbleibt etwas Ausserliches zu erwähnen. In Nachb. 5, 
vgl S. 18, wird der Leser am Schlüsse des Markusevangeliums 
einen zierlichen Schmuck- Winkel sehen, der völlig des fünften 
oder auch des vierten Jahrhunderts würdig ist. Dann wird er 
unter der Nachschrift söayyeXtov xaxa (xapxov ein in Kursivschrift 
des fünften Jahrhunderts beigefügtes Gebet merken. Das Zeichen 
-f für XP^^o? ist in gutem alten Stil. Vielleicht ist seine drei- 
malige Anwendung für einen Bezug auf die Dreieinigkeit zu er- 
achten. An Panchristismus ist nicht zu denken. 

Das Gebet lautet -f XP^^'^^ ^T^^ ^^ 1^^'^^ '^^^ 5o6Xoi) aou xtjjio- 
•a-eci) -f xat TiavTcov xöv auxoü -f. Das Kreuz nach Ti\io%'ioii 
schliesst ohne Zweifel das Gebet wie es ursprünglich geschrieben 
wurde. Die folgenden Worte sind von einer anderen Hand ge- 
schrieben. Damit stimmt ein Anderes. Der Leser sieht sofort, 
dass, dem Anscheine nach, xt{AoO'£Oi) in einer Rasur steht. Ich 
nehme an, dass jemand, ein Johannes, ein Dorotheus — lieber 
einer mit dem Genitiv in ou, da das ou noch von der ersten 
Hand sein kann — , ein Philotheus, das kurze Gebet für sich 
schrieb. Er mag die Handschrift besessen haben. Schwerlich 
war er der Schreiber. Denn dieser hätte das Gebet im Stile 



1. Die Freer-Handschriften. 2% 

seines Textes und richtig auf die Seite disponirt, verteilt, nicht 
so nachlässig geschrieben. Also, es stand da sagen wir: „HeiHger 
Christ [sei] du mit deinem Diener Dorotheus". Nicht lange 
nachher hat Timotheus die Handschrift gehabt. Er radirte 
Dorotheas' Namen und setzte seinen eigenen ein. Er war aber 
auch mehr sozial, weniger individualistisch gerichtet, Ca fügte 
er bei; „und [mit] Allen den seinen". 

Ich habe von Besitzern der Handschrift gesprochen. Es ist 
aber nicht zu vergessen, dass irgend ein des Schreibens Kundiger, 
der eine heilige Handschrift auch nur vorübergehend in die Hand 



NactabildungS: Hs IV, Bl?: aThessa,; oi )iv>j|iovEuexe — [■naT]äxun i,T. 

bekam, leicht, wäre Tinte und Feder zur Hand, ein solches Gebet 
für sich einfugen konnte, einzufügen geneigt war. Häufig sieht 
man das in Handschriften. 

Gerade hier möchte ich im voraus eine Gewähr für die Sorg- 
falt Sanders und für die vorzügliche Art der ihm zur Verfügung 
stehenden Mittel bei der Vorbereitung seiner Ausgabe dieser 
Schätze beibringen. Um diese undeutliche Stelle in dieser Nach- 
schrift möglichst auszuforschen, hat er einen sorgfältigen stereo- 
skopischen Schieber der Seite gemacht und dann mit einem 
sehr starken Licht das Bild ausserordentlich vergrössert. Man 
kann sich die ausgezeichnete Wirkung denken. 



24 ^** Freer-Logion. 

Handschrift IV. 

IV: 5. Jahrhundert, was übrig bleibt 16,5 cm x 11,2 cm, Pergament, vielleicht 

kommen schliesslich 60 Blätter zur Geltung, ursprünglich etwa 36 Zeilen : wenigstens 

etwas aus Epheser, Kolosser, Thessaloniker, Hebräer. 

Man sieht aus Nachb. 6, S. 23, wie schwer diese einst schöne 
Handschrift gelitten hat Sanders hat zwei Heftnummern ent- 
deckt Er hat dann berechnet, dass anfänglich der Band aus sechs- 
undzwanzig Heften, einigen, siehe oben S. 4—6 zu Hs I, zweifel- 
los weniger als Viererheften, bestehend, die Apostelgeschichte, 
die Katholischen und die Paulinischen Briefe enthalten hat Er 
ist sicher, dass die Offenbarung nicht vorhanden war. Ich bin 
neugierig zu wissen, wie er das beweisen wird. Er erwartet 
viele kurze Abschnitte des Textes zu retten. So weit er ihn 
untersucht hat, scheint der Text merkwürdig genau und frei von 
Zusätzen zu sein. 

* 

Sanders hoffl die Handschriften Eins und Drei: Deutero- 
nomium-Josua und die Vier Evangelien: in photographischer 
Nachbildung herauszugeben. Bei den beiden anderen wird wahr- 
scheinlich auf die vollständige Nachbildung deswegen zu ver- 
zichten sein, weil es bis jetzt nicht gelungen ist, so viel von 
diesen Handschriften mit der Camera wiederzugeben, wie man 
mit blossem Auge lesen kann. 

Damit haben wir unseren flüchtigen Überblick über diese 
Handschriften vollendet. Das Beste bleibt noch: die Betrachtung 
des Markusschlusses in Handschrift Drei. 



25 



2. Das Freer- Logion. 

Es ist Sitte, Sprüche Jesu, die kein Recht auf einen Platz 
in unseren Vier Evangelien haben, mit dem altchristlichen Aus- 
druck . „Logion", „Logia" zu bezeichnen. Solche Äusserungen 
begegnen in vielen Schriften kirchlicher Schriftsteller. In den 
letztvergangenen Jahren hat der trockene Boden Ägyptens, haupt- 
sächlich unter den kundigen Forschungen Grenfells und Hunts, 
mehrere Bruchstücke von Sammlungen solcher Sprüche hervor- 
gebracht. Verhältnismässig wenige, wenn auch sehr wichtige, 
sind schon lange aus Handschriften des Textes der Evangelien 
zu entnehmen gewesen. 

Die zwei ältesten und, mit ihrer Einrahmung, die umfang- 
reichsten sind die Abschnitte Markus i6, 9 — 20, nebst Doppel- 
gänger, und Joh 7, 53 — 8, 11. Sonst sind die Mehrzahl solcher 
in die neutestamentlichen Handschriften eingeschobenen Worte 
nur unbedeutende paraphrasirende oder parallelisirende Fort- 
setzungen der vorliegenden, der jeweilig vorhergehenden oder 
folgenden Aussprüche. Das ist auch der Fall bei der merk- 
würdigen Einfügung der Handschrift 713 zu Matt 17, 26.27: 
„Simon sagte: Ja. Spricht Jesus: Gib dann auch du als ihr 
Fremder [als ihnen ein Fremder]" IcpT] ot(i(ov vat. Xiyzi 6 fTjaoö^' 
Sog o5v y,od ab 65 dXXöxpto? aöxöv. 

Der Zusatz in D zu Luk 22, 28 geht ein wenig weiter in 
seiner Verflechtung der Gedanken: „Und ihr nähmet zu in meinem 
Dienste wie der Dienende, ihr die ihr aushielten usw." y.od ö(ielg 
TjO^Tfjä'rjxe ev xf^ Staxovfqc jiou &q 6 Staxovwv ol ScafjLejJisvTjxoxs? xxX. — 
Selbständig wird die Erzählung in D bei Luk 6, 4: „Am selben 
Tage, da er jemand am Sabbat arbeiten sah, sagte er ihm: 
Mensch, wenn du weisst, was du machst, selig bist du. Wenn 



26 I^as Freer-Logion. 

du aber nicht weisst, bist du verflucht und ein Übertreter des 
Gesetzes:" x^ aux^ ^P^^P? S-eaoaiievög xtva epya^ojievov xcj) aaßßaxq) 

olSoLC, imxaxdpaxo^ xat TcapaßixTjg ef xoö vojaou. 

Dieselbe Handschrift D bietet uns nach Matt 20, 28 sechzig 
Worte, die lauter Worte Jesu sein wollen : „Ihr aber suchet vom 
Kleinen zu wachsen und vom Grösseren geringer zu sein, und 
eintretend, da ihr zu Tisch gebeten wurdet, nicht an den vor- 
nehmen Stellen euch hinzulegen, damit nicht ein angesehenerer als 
du noch herzukomme, und der Einladende herbeikomme und 
spreche dir: Nimm Platz weiter unten: und du beschämt wirst. 
Wenn du aber dich an dem geringsten Platz hinlegst und ein 
geringerer als du herbeikommt, wird der Einladende dir sagen: 
Komjfi mit noch höher: und dies wird dir nützlich sein", üfiet^ 
5^ ^Tjxefxs ey. (A'.xpoö au^^aat xaJ £% jjiet^ovo^ sXaxxov sfvaf eiaep- 
X^l^ievoc Se xac TtapaxXTjfl'lvxe^ SecTtvfJaat, jjirj dvaxXcvea-ö'at eiq zobq 
e^exovxas xönooQ, (Ai^Tcoxe evSo^ox^poi; aou e7r£X'8"{], xat TcpoGeX-ö-wv 
6 5et7tvcxXif]X(Dp einxi aoc ext xaxü) x^P^^? ^-^^ xaxacoxuvfl'Tfia'}]; eav 5£ 
ava7i£Oi[](; £t(; xöv T^xxova xotiov xaJ e7r£XS"g oou i^xxtov, äpet aoi 6 
SstTivoxXi^xtop • auvaye ext ävw, xa^ eaxat aot xoöxo xpi^j^^^l^ov. 

Das sind die fremden Sprüche Jesu, die die griechischen 
Handschriften der Evangelien uns bis jetzt lieferten. 

Hieronymus, der die letzten dreissig und mehr Jahre seines 
Lebens in Bethlehem zubrachte, schrieb dort im Jahre 415 in 
drei Büchern ein Zwiegespräch zwischen einem Katholiken Atticus 
und einem Häretiker Critobulus, gerichtet gegen die Pelagianer. 
Dass der Heretiker wenig dabei zu sagen hat, ist selbstverständ- 
lich. Im zweiten Buch, Kapitel fünfzehn (Werke, Venedig 1767, 
Bd. 2, Tl. 2, S. 758E. 759A), bemerkt Atticus: „In quibusdam 
exemplaribus et maxime in Graecis codicibus, juxta Marcum in 
fine eins evangelii scribitur: 

Postea cum accubuissent undecim apparuit eis lesus et ex- 
probravit incredulitatem et duritiam cordis eorum, quia his qui 
viderant eum resurgentem non crediderunt. Et illi satisfaciebant 
dicentes: Saeculum istud iniquitatis et incredulitatis sub Satana 
[so eine Handschrift im Vatikan; statt sub Satana haben die 
anderen Zeugen das sinnlose substantia] est, qui [quae in Hs] 
non sinit per immundos spiritus veram Dei apprehendi vir- 
tutem. Idcirco iam nunc revela iustitiam tuam". 



2. Das Logion: Einleitung. 27 

Die „einigen Exemplare" die Hieronymus erwähnt, mögen 
sehr wenige gewesen sein. Harnack hält es nicht für unwahr- 
scheinlich, in Anbetracht der breitspurigen Weise, wie Hierony- 
mus geneigt ist, seine Seltenheiten anzukündigen, dass er, über- 
haupt nur eine einzige griechische Handschrift mit diesem Zusatz 
gekannt hat, und zwar gerade die, woraus er diese Zeilen in 
jenem Augenblick übersetzte. Dass er gerade dann das alles 
aus dem Griechischen übersetzte, geht daraus hervor, dass der 
am Anfang stehende vierzehnte Vers eine Form hat, die sonst 
im Lateinischen völlig unbekannt ist. Wo er die Handschrift 
her hatte, sagt er nicht. Es war aber von Ägypten nach Beth- 
lehem keine grosse Reise. Man konnte zu Fuss etwa in einer 
Woche dahin gelangen. Sonst könnte man daraufkommen, dass 
er die Handschrift aus Cäsarea sich verschafft hatte, wo gewiss 
viele Handschriften aus Ägypten aufgehoben waren. 

Das eigentliche Logion führt Hieronymus nicht an. Er ging 
in dem Augenblick nicht darauf aus, Atticus über die Logia 
reden zu lassen. Er wollte nur beweisen, dass die Welt unter 
Satan stünde. Er fährt fort: „Wenn ihr dem widersprecht, werdet 
ihr nicht wagen zu leugnen: Die Welt ist in dem Bösen: und 
dass Satan wagte seinen Herrn zu versuchen." Die Worte aus 
I Joh 5,19 6 x6a|io^ oXoq iv xq) TcovTjpcp xetxat benutzt Atticus als 
Ersatz für diese Anführung aus Mark 16,14+, für den Fall dass 
sein Gegner diese nicht anerkennen will. Aus dem Grunde ist es 
klar, dass allein die Lesart jener vatikanischen Handschrift ,jSub 
Satana" richtig ist. Das ist überhaupt für Atticus, für Hierony- 
mus der einzige Zweck des Ganzen. Wir haben daher keinen 
Grund zu glauben, dass Hieronymus die übrigen Worte dieses 
Einschiebsels nicht kannte, so sehr sie auch mit dem letzten 
Blatt des Markus hätten in jenem Evangelienkodex fehlen können. 
Ein zum Nachgrübeln geneigter Geist kann sich vorstellen, wie 
leicht gerade dieses uns vorliegende Schlussblatt des Markus 
und des Bandes hätte abgerissen werden und mit seinem Schatze 
sich unserer Kenntnis entziehen können Genug von Hierony- 
mus. Man findet eine ausführliche Besprechung von seinen Worten 
bei Theodor Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 
Bd. 2, 2. Hälfte, Erlangen und Leipzig 1892, S. 910—938, bes. 919 
"• 935- 936, und: Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl., 
Bd. 2, Leipzig 1907, S. 232—246, bes. 234—236 u. 243, und bei 



28 I^as Freer-Logion. 

Paul Rohrbach, Der Schluss des Markusevangeliums usw. Berlin 
1894, S. 20. 21. 



Die Umgebung des Logions. 

Wir haben heute endlich nach bald fünfzehnhundert Jahren 
eine Grosschrift der Evangelien, wie Hieronymus sie wahrschein- 
lich damals in der Hand gehabt hat. Nach der Schätzung Gren- 
fells ist es nicht ausgeschlossen, dass unsere Handschrift schon 
damals existirte. Diese Freer-Handschrift Drei bietet uns die 
Worte, die Hieronymus anfuhrt und noch mehr. Im ganzen 
fügt sie hier achtundachtzig Worte ein, wovon einundvierzig 
Worte Jesu sein sollen. Ehe wir auf die einzelnen Sätze und 
Worte dieses nunmehr zum ersten Male erhaltenen griechischen 
Abschnittes eingehen, werfen wir einen Blick auf den Platz, den 
er inne hat, auf die Gedanken, die ihn umgeben. Er steht mitten 
in dem Schlusskapitel des Markusevangeliums. Es hat aber mit 
diesem Kapitel eine eigene Bewandtnis. 

Schon lange her wusste man aus den Zeugen für den alten 
Text der Evangelien, dass die Verse 9 — 20 im sechzehnten 
Kapitel des Markusevangeliums nicht an diese Stelle gehörten. 
Der ursprüngliche Text dieses Evangeliums, insofern wir ihn heute 
haben, hört mit dem achten Vers auf, und zwar ganz kurz^ ohne 
irgend welche Vermittlung: „denn sie fürchteten sich: l(poßoövTO 
"^ip. Die meisten sind völlig klar darüber, dass der Verfasser 
schwerlich in dieser Weise seine Schrift geschlossen haben kann. 
Soden meint, das sei der richtige Schluss. Niemand denkt daran, 
es habe ein Henker den Markus plötzlich enthauptet, gerade 
nach der Niederschrift dieses achten Verses, ehe er den richtigen 
Ausklang gefunden hatte. Aber die Tatsache blieb bestehen. 
Das Evangelium lag so vor. 

Für mich scheint die Annahme, dass jemand in der Absicht 
das Evangelium anders ausklingen zu lassen, den Schluss, den 
ursprünglichen Schluss, entfernt und durch unsere heutigen Verse 
9 — 20 ersetzt hat, durchaus unstatthaft, a. Erstens, können wir 
uns keine Vorstellung davon machen, was etwa der Verfasser 
hier hätte setzen können, das dem korrigir enden Menschen 
nicht gefiel. Das Evangelium bietet uns keinen Anhalt dafür, 
dass der Verfasser die Neigung gehabt hat, sonderbare und 



2. Das Logion: Umgebung. Text. 2Q 

anstössige Sprünge zu machen. Er kann durchaus nicht etwa 
die Auferstehung geleugnet haWen. b. Zweitens müsste die Über- 
lieferung des Evangeliums eine völlig andere Gestalt haben, wenn 
ein Christ in dieser Weise die Schrift umgeändert hätte, o. Drittens, 
wenn die Änderung nach Verlauf einer Reihe von Jahren statt- 
fand, hätten wir einerseits Handschriften und andere Zeugen, 
erwartet, die den richtigen Schluss brachten, und andererseits 
Handschriften und andere Zeugen die den unechten Schluss 
brachten. Damit wäre die Sache fertig. Das ist aber gar nicht 
der Fall. 

In den Zeugen im allgemeinen zeigt dieser Schluss drei 
Formen. Wir finden entweder den üblichen Schluss, die Verse 
9 — 20, oder einen in nur wenigen Handschriften, besonders LWT^ 
und 574, vorkommenden kurzen Schluss, oder eine klaffende 
Leere, indem das Evangelium mit äcpoßoövxo yip abbricht. Von 
einem Zeugen mit dem uns völlig unbekannten echten Schluss 
ist keine Rede. Der echte Schluss steht also nicht zur Ver- 
fügung. Ich halte es für möglich, dass er einmal aufgefunden 
wird. Der Umstand, dass das Evangelium allen Schlusses bar 
vorliegt, scheint mir unwidersprechlich zu beweisen, dass die 
Beschädigung des Buches nicht eine beabsichtigte, sondern eine 
zufällige war, und dass es einige Zeit gedauert hat, ehe man 
den einen oder den anderen der erwähnten Abschnitte ihm an- 
hängte. 

Mir ist kein Grund bekannt, warum wir nicht im Einklang 
mit der Entdeckung Frederic C. Conybeare's annehmen sollten, 
dass der längere Schluss, die bekannten Verse 16, 9 — 20, von 
Aristion herrührt. Was Aristion schrieb, kann ebenso gut, eben- 
so wahr, ebenso vertrauenswürdig sein wie das, was Markus 
schrieb. Die Form dieser zwölf Verse in den Zeugen ist im 
grossen und ganzen dieselbe. Die strittigen Lesarten sind weder 
sehr zahlreich noch sehr wichtig. 

Text 

Hier erhalten wir mit einem Male in der dritten der Freer- 
Handschriften ein Einschiebsel von achtundachtzig Worten 
zwischen Vers 14 und Vers 15. Ich setze sie zuerst hin nach 
den Zeilen der Handschrift, Z. 9 — 24 in Nachbildung 5, mit nur 
ein paar Änderungen, die auf der Hand zu liegen scheinen: 



ßO ^^s Frccr-LogioD. 

xaxetvot aTceXoyoövxo [Hs-xe] Xiyovze^ oxt 6 

atwv oÖTG<; Tf^s avoficag xal xfj; aTctoxia^ 

Ö7CÖ xöv oaxavÄv eoxtv S |iy] eöv xa utiö 

xöv Tcv6U(iaxü)v dxdd'apzx xtjv iXifjä-etav 

xoö S-eoO xaxaXaßeo'frat Suvafjitv 5:a 

zoxjzo dTcoxiXu^ov aoö xr^v Stxatoou 

VTjv fßr^ exeCvot eXeyov x(j> XP^^'^^ ^^^^ ° 

Xptoxö^ exetvot^ TcpooeXeyev 6xt tcetcXt^pü) 

xat 6 5po? xöv exöv xfjs e^ouata^ xoö 

oaxavä aXXcc eyYtv^ec ÄXXa Setva [Hs 5tva] xac 

Tzkp wv ^Yü) (i|iapxrjadvx(Ov TcapeSoS^jv 

£1^ S-ccvaxov Iva ÖTCoaxpIt];^^^^ ^^S '^^C^ 
aXifjS'etav xa: (iTjxext 4|iapXTf^a(üatv 
Iva XT/v £V xtp oü)pav(}) -JiveufiaxtXYjv xal Ä 
cffrapxov xfjg Stxaioauvrjs So^av 
xXrjpovoiifjacDOtv dXXa Tcopeufl-ev 

Textkritik. 

Der Leser bemerkt die zwei leisen Korrekturen, die sofort 
notwendig zu sein scheinen. Der Text ist aber damit gar nicht 
in den richtigen Stand gesetzt. Ich will ihn deswegen wieder 
schreiben. Um leichter mit dem Text umzugehen, muss ich 
Teile nennen. Es ist Sitte, solche Teile mit Zahlen zu versehen. 
Hier sollen diese Zahlen weder die Zeilen der Handschrift noch 
was sonst üblich ist, vollständige Sätze bezeichnen, weil die 
Zeilen einerseits unbequem und die ganzen Sätze andererseits 
zu lang sind. 

1 xaxetvoc aTcsXoyoövxo Xeyovxs«; • ^ oxt 6 aiwv ouxo$ xfjg dvo{A(a; 
xac xfiQ dmaxfag bizb xöv aocza^^otv ^axtv, ^ 3 (itj eöv X(i bnb xwv 
7cv£i)|JLax(DV (äxaö-apxa * xyjv dXrifl'tvrjV xoO S'SoO xaxaXaßsofl'at 56va|iiv 
^ 5ca xo^zo aTtoxaXutpov oq\) xtjV ScxatocOvr^v '^Stj, * exeivot eXeyC'V 
xq) xp^^'^^* ' y-at 6 xp^^T^o? exetvoc^ TcpoasXsyev ^ oxt -jieTcXifipwxa: 
6 Spci; xöv exwv xfjg e^ouata^ xoO oaxava, ® aXXa tfyi^ei dXXa 
Setva- *® xaJ bizkp xöv (£(Aapxyjaavxo)v eyd) TiapsSofl-Tjv d<; ■fravaxov, 
^* cva uTToaxpe^wotv et? xr^v iXTfi-ö-etav xaJ [xyjxexi (S|iapXT^a(i)a:v, 
*^ Iva XTjV £v X(|) oupavti) TiveufxaxcxrjV xac dc^^apxov x^^ Scxacoauvrj; 
56^av xXTjpovofXTfjawacv. [Mk 16,15:] dXXa Tcopeufl-dvxes xxX 

Zu I ist nichts zu bemerken. In 2 würde dScxca^ statt ivo[ica5 
vielleicht dem „iniquitatis" des Hieronymus genauer entsprechen. 



:. Das Logion: Textkritik. 



Nachbildung 7: Hs II[, Bl 184 r: Mk i6,iz i£ aüTüiv — ävö|ia-ci nou 16,17. 

Er kann aber ohne weiteres ävo[iia durch „miquitas" wieder- 
gegeben haben. Selbstverständlich ist bei einer so langen An- 
führung nicht daran zu denken, dass er sie aus dem Gedächtnis 
niederschrieb. Er hat die^e Zeilen aus jener vor seinen Augen 



22 I^a5 Frecr-LogioQ. 

liegenden griechischen Handschrift übersetzt und niedergeschrie- 
ben. — Bei bizb xöv oaxavdcv sehen wir sofort, dass die vatikanische 
Handschrift des Hieronymus-Textes die richtige Lesart hat: 
,^ub satana'S denn dieser Ausdruck bildet den einen Zielpunkt 
des Hieronymus, wie wir oben aus der Fortsetzung mit i Joh 
5, 19 bemerkt haben. 

Zu 3 ist manches zu sagen. Ohne die mögliche Relativ- 
bedeutung von 5 zu benutzen schlagen zwei Gelehrte Änderungen 
vor. Nestle schrieb mir am 16. Februar und gab dem Satzteil 
die folgende Gestalt: bnb xöv oaxavÄv eaxtv (i^j eövxa ötcö xöv 
Tiveunixwv dxaO-apxcDV xtjv xxX, indem er 6 tilgte, iöv und xa 
verband, und statt dxotS-apxa den Genitiv dxaS-ccpxwv setzte. — 
Goodspeed, S. 226, erreichte ungefähr dasselbe mit einigen leisen 
Unterschieden. In gleicher Weise vereinigte er Iwv und xa. 
Statt aber 5 zu tilgen verwandelte er es in xov. Bei ihm wie 
bei Nestle entsteht dann die entsprechende griechische Form 
für die Worte bei Hieronymus : „qui non sinit". — Ferner stützt 
sich Goodspeed auf „per immundos Spiritus" bei Hieronymus 
und schreibt deswegen den Genitiv dxaS-ccpxwv. Um aber diesen 
Genitiv richtig attributiv zu stellen, fügt er davor xöv ein. So 
liest er: bizb xöv oaxavav eaxtv, xöv (iij §ö)vxa utcö xwv 7cveu[iax(i)v 
xöv ixafl-apxcov. — Dazwischen gehört eine Frage Harnacks, ob 
vielleicht statt xa ötto wir 5tcc lesen sollten. 

Mir scheint es nicht nötig an dem Ausdruck 8 (i^j eöv zu 
rütteln. Er gibt, wie er steht, einen guten Sinn und er deckt 
das „qui non sinit" des Hieronymus. Ich halte ihn für um so 
wahrscheinlicher, weil ich meine, der Schreiber habe sich in 
dem Wortspiel, dem Gleichklang gefallen: 6 atöv . . . 6 [ir] söv. 
Denn e gleicht at und öv und öv sind nicht merklich unter- 
schieden. — Was axaS-apxa angeht, so könnte man durch eine 
ausserordentliche Verrenkung der Gedanken xi dxa-ö'apxa als 
einen allgemeinen Ausdruck auffassen, der nicht besonders auf 
die Jünger ging. — Die Worte würden dann auf die Dinge und 
die Wesen zu deuten sein, die unter Satan und seinen Geistern 
jetzt bedrückt leiden, wie die ganze Schöpfung mit stöhnt, 
Rom 8, 22. Dabei würde auch der Gedanke mit in Betracht 
kommen, dass diese Wesen durch die Geister verunreinigt waren. 
Es ist wahr, dass Geister nicht ohne weiteres böse Geister sind, 
nur aber böse Geister werden mit der Unreinheit und mit Satan 



2. Das Logion: Textkritik. ^^ 

verbunden sein. So viel gesagt, greife ich auf Sanders* Worte 
zurück, die ich oben, S. 19, erwähne. Diese Handschrift ist von 
einem sehr nachlässigen und unwissenden Schreiber hergestellt 
worden, und die ursprünglichen Worte mögen ganz anders ge- 
lautet haben. Hätten wir die Vorlage vor Augen, würden wir 
vermutlich sofort sehen, wie der Schreiber dazu kam, diese 
Worte gerade so zu verballhornisieren. Der allgemeine Sinn ist 
aber klar: Dieses unter Satan stehende Zeitalter kann das, was 
du erwartest, nicht leisten. 

Die Worte unter 4 sind auch in der Handschrift sicher in 
irgend einer Weise verdorben: ttjv aXifjä-ecav xoO -S-egö xaxaXa- 
ßea^at 5uva(icv. Man möchte statt iXT^fl-ecav das Beiwort dXTjä-tv/jv, 
oder statt Suvafjitv den Dativ Suvocjist adverbialisch gefasst schreiben. 
Sanders fügt xal vor Suvajitv ein, doch möchte man die beiden 
Worte näher an einander rücken. Es könnte: die mächtige 
Wahrheit, oder: die wahre Kraft heissen. Für die Lesart der 
Handschrift und gegen den Text des Hieronymus: „veram dei 
apprehendi virtutem": bringt Harnack den Umstand herbei, dass 
aXifjö-etav wieder in ii begegnet und dass xljv dXy]'8':vY]v SOvafjitv 
ein auffallender Ausdruck ist. Er meint aber selbst, dass Sövafjicv 
im vorliegenden Text recht nachhinkt, und gibt zu, dass dann 
mit Sanders xat eingefügt werden muss. Mir erscheint es von 
vornherein rätlicher -fl-stav in -fttvTfjv zu verwandeln und einen 
völlig guten Schluss des Satzes zu gewinnen, als ein nicht vor- 
handenes xat beizubringen und trotzdem einen nicht halbeswegs 
erträglichen Satzschluss herzustellen. Wenn dann das Zeugnis 
des Hieronymus dazu kommt, halte ich dafür, dass wir unbe- 
denklich (iXTj&tviQV schreiben dürfen. Zu 5 ist nichts zu bemerken. 

Bei 6 erkennen wir den scharfen Spürsinn Harnacks des 
altgewohnten Textherstellers. Denn er sagt uns, das muss eine 
Randbemerkung sein, die' ein Schreiber dann in den Text ge- 
bracht hat. Ganz gewiss hinken diese Worte scheinbar nach. 
Ganz gewiss sind sie beim ersten Blick völlig unnötig nach dem: 
iTceXoyoOvTO Xeyovre^ am Anfang. Es dürfte aber zweierlei zu 
ihren Gunsten gesagt werden. Einmal, dass Schriftsteller dieser 
Art, wenn wir von einem Schriftsteller reden sollten, dass Leute, 
die solche Erzählungen so zusammenschreiben, häufig in sehr 
umständlicher Wiederholung das „Sagen" betonen. Es ist das 

„sagte er", „sagte ich", „hat er gesagt" des erzählenden Volks- 
Gregory, Versuche und Entwürfe, i. 3 



^A Das Freer-Logion. 

manns heute. Sehen wir zum Beispiel, um zu einer weit höheren 
Stufe der Schriftstellerei zu greifen, wie Hippolyt seine Häretiker- 
Texte mit (fTjot spickt Das ist das eine. Dann aber ist nicht 
zu übersehen, dass in dieser Erzählung 4 mit einem vollen Punkt, 
mit einem griechischen • zu schliessen ist. Das ist ein Schlager. 
Der Teufel lässt sie nicht Gottes wahre Kraft erfassen I Es ist 
dann nicht unbedingt nötig, dass 5 als von i abhängig betrachtet 
werde: *Das ist der Fall! ^Deswegen offenbare du . . . ^sagten 
sie dem Christus. Es ist aber auch, indem wir zu 7 übergehen, 
zu bemerken, dass die Form von 7 wenn auch nicht mit dringen- 
der Notwendigkeit so doch mit einiger Wahrscheinlichkeit sich 
an die Form von 6 anzupassen scheint 

Zu 8 ist nichts zu bemerken. In 9 läge es Manchem nahe, 
statt dcXXa Sstvi zu lesen, das handschriftliche ÄXXa 5tva in äXXa 
Tiva zu verwandeln. Dagegen spricht die Bedeutungslosigkeit 
einer solchen Bemerkung, die sogar zu schwach für einen volks- 
mässigen Erzähler sein würde. Noch wichtiger ist aber die Er- 
wägung, dass das scharfe x durchaus nicht leicht in das aspirirte 
übergehen würde, während graphisch T und A unmöglich zu 
verwechseln sind. Im Griechischen ist 5 das weiche englische 
th in „this", als unterschieden von %> dem harten englischen th 
in „think". — Dafür schlägt Johannes Kunze in Greifswald vor, 
im Theologischen Literaturblatt, Leipzig 1908, 28. Febr., Sp. 11, 
öcXXa 5tvöc „in (xa) dXrj'8'tva = das Wahrhaftige zu verbessern". 
Das allein scheint ihm dem Sinn und dem Zusammenhang zu 
entsprechen. Das Verwandeln von 5 in -ö- böte nicht die geringste 
Schwierigkeit. Aber das >], das wie i ausgesprochen gedacht 
werden muss, hätte wenig Neigung in a oder Xa überzugehen. 
Ich kann auch nicht sagen, dass der Satz dadurch viel gewinnt. 
Es mag aber ursprünglich die Verbindung von 9 und 10 ganz 
anders klar gewesen. Heute ist sie dunkel. 

In 10 hat die Handschrift: xac bnep wv iy^ aixapxYjaavtwv 
TtapeSoä'Yjv. Statt wv lyo) i|JLapxr^aavxo)v liest Sanders, dem Harnack 
beipflichtet, xöv dfiapxYjaavxtov ^yw. Sanders weist sehr an- 
sprechend darauf, dass eya) gerade zwölf Buchstaben zu zeitig 
angesetzt ist. Dann zieht er die Spalten des Sinaiticus oder X 
herbei, die etwa zwölf Buchstaben in einer Zeile haben, und ver- 
mutet, dass eyü), über dem Schluss der Zeile geschrieben, aus 
Versehen beim Abschreiben in die obere statt in die untere 



2. Das Logion: Textkritik. Vollständigkeit. ^c 

Zeile gerechnet und so abgeschrieben wurde. Auf die Anordnung 
der Worte komme ich später zurück. Ich nehme an, dass 
Sanders' Vorschlag der richtige ist. — Zu ii und 12 ist nichts 
zu bemerken. — Der auf 12 folgende Anfang von Mark 16, 15 
ist geändert um hier mit dem Schluss von 12 übereinzustimmen. 
Statt %at etTcev aötol^ Ttopeu-ö'evTe^, lesen wir einfach: dXXcc Tuopsu- 

Dieser textkritischen Übersicht möchte ich eine Hypothese 
beifügen. Der Schreiber dieser Handschrift schrieb zwar schlecht, 
und dieser Umstand dürfte genügen, die verwirrte Beschaffenheit 
einiger Sätze zu erklären. Ich möchte aber die Frage aufwerfen, 
ob dieser Abschnitt nicht als Übersetzung aus einer anderen 
Sprache zu gelten hat. Man könnte wegen ägyptischer Her- 
kunft der Handschrift auf die koptische Sprache kommen. Wenn 
andrerseits Harnack recht hat, diesen ganzen Abschnitt als 
hebräisch-palästinisch zu bezeichnen, so wäre an die aramäische 
oder syrische Sprache zu denken. Es wäre zu untersuchen, ob 
die schweren Stellen: iXiQ'ö'etav xaxaXaßeafl'at 56va(itv, — die 
wenig glatte Verbindung zwischen 8 und 9, — die noch schlimmere 
zwischen 9 und 10, — und das bnep wv ^yo) cc|iapTT]accvTü)v, nicht 
auf eine solche Übersetzung zurückzuführen wären. Sanders' Vor- 
schlag für bTzkp (ov Jyo) djjLapXTjaocvxwv erklärt die Stellung von 
eyo), nicht aber das wv. Die Worte sehen wie eine fehlerhafte 
Übersetzung aus, und dasselbe gilt für iXi^O-etav . . . 56va|Jitv. 

Vollständigkeit. 

Wenn der Text, der vorliegt, so zu lesen ist, haben wir zu- 
nächst zu fragen, ob er vollständig ist. Habe ich recht mit der 
Hypothese einer Übersetzung, könnte diese Frage darauf zurück- 
geführt werden, ob der Übersetzer den Urtext dieser Erzählung 
ganz oder nur im Auszug übersetzt hat. Harnack hält es für 
wahrscheinlich, dass der Text nur ein Auszug ist, weil 10 an 9 
gär nicht genau anschliesst, und weil keine Antwort auf die 
Bitte um Offenbarung der Gerechtigkeit Christi erfolgt. Sonst 
ist nur zu sagen, dass das Ganze keinen abgerundeten Charakter 
hat. Das wäre nicht auffallend, wenn der Abschnitt sehr früh 
zu datiren wäre. Ich greife so viel vor^ dass ich die Wahr- 
scheinlichkeit eines späteren Datums ausspreche, und bemerke 

3* 



36 ^^ Frcer-Logion. 

dazu, dass zu einer späteren Zeit diese Erzählung leichter eine 
längere, umständlichere, konsequentere Form angenommen haben 
würde, als sie hier trägt. Hätte man danach an einen Auszug 
zu denken? Ob wir je das Ganze irgendwo entdecken? Unsere 
im Koptischen und im Syrischen gut beschlagenen Gelehrten 
möchten danach ausschauen. Wir werden diese Frage später 
berühren. Ich neige nicht dazu, an einen Auszug zu glauben, 
wenn ich auch zugebe, dass er möglich ist. 

Im übrigen scheint die geahnte oder beobachtete Unvoll- 
ständigkeit sich hauptsächlich auf den zweiten Teil des Ab- 
schnittes zu beziehen. Der erste Teil, die Worte der Jünger, 
scheint abgerundet zu sein. Ihnen liegt es nicht ob, viel zu 
reden. Ihr Teil ist, die Veranlassung zu dem Spruch Jesu zu 
geben. Sie kennzeichen die Richtung, die seine Worte nehmen 
werden, das Ziel dessen, was er sagt. Gerade darin zeigt, wie 
schon angedeutet, der zweite Teil seine Mängel, dass er ihrem 
Teil, dem ersten Teil, und seiner Aufforderung nicht entspricht. 

Ich möchte aber auf eine andere Möglichkeit hinweisen, die 
nachher bei der Exegese zu behandeln sein wird, nämlich dass 
etwas Störendes in den Text eingefügt ist, und ihn verwirrt hat; 
vgl unten, S. 55. 

Wortschatz, 

Es ist interessant zu bemerken, dass das Wort ^xeivo^ in 
den synoptischen Evangelien überhaupt nicht von den Jüngern 
gesagt wird. In dem unechten Schluss des Markus 16, 13 und 20, 
wird es dreimal bei ihnen angewendet. Bei Johannes im Evange- 
lium, wird es so etwa ein halbes dutzendmal in der Mehrzahl 
und fünfmal in der Einzahl gebraucht. Unser Abschnitt hat es 
dreimal. Das mag als Zeichen einer späteren Zeit gelten. In 
den Synoptikern sind die exetvot die „Anderen''. Euch ist es 
gegeben, Jenen nicht. — In aTToXoyoöfiat haben wir vielleicht ein 
Wort der höheren Bildung zu sehen. Im Neuen Testament ver- 
wenden es nur Lukas, acht Mal, und Paulus, zweimal. 

Die Worte 6 atd)v o^xoq, mit ihren leise veränderten Formen 
wie 6 vöv attbv, und ihrem Gegenstück 6 alm b [i£XXü)v sind 
synoptisch und paulinisch im Neuen Testament, nebst einer 
Verwendung im Hebräerbrief Sie stehen auf jüdischem Boden. — 
'Eao) kommt im Neuen Testament höchstens etwa zehn bis 



2. Das Logion: Wortschatz. 07 

elf Mal bei Lukas, nebst je einem Male bei Paulus, im Matthäus, 
und in der Offenbarung vor. — Hveöfxa ixöcfl-apTov kommt im 
Neuen Testament etwa dreiundzwanzig Mal vor, wovon elf Mal 
bei Markus. Daher passt der Ausdruck besonders gut bei einem 
Zusatz zum Markus. — Wir finden iXrjä-tvig attributiv oder prädi- 
kativ gebraucht im Neuen Testament besonders bei Johannes 
und in der Offenbarung. Das, was wahr ist, mag cpöi;, Trpoo- 
xuvrjTat, XÖY05, äpxog, xpfat^, Si\iTzeXo(;^ liapxupta, axr]VT^ (im Hebräer- 
brief), xapSfa, &8oij oder sogar Gott selbst sein. Die Wendung 
(iX>]'9'tvr] 8uva(xt5 ist, meint Harnack, recht auffallend. Ich kann 
sie aber nicht für unmöglich halten. — Etwa neunmal im Neuen 
Testament steht xaTaXa{xßavü) in diesem Sinne, einmal bei MkQ, 18. 
Man möchte zuerst an Joh i, 5 denken. Bei diesem Wort möchte 
man so weit gehen und statt 86vajitv gleich 5txatoo6vr]v schreiben. 
Denn das würde vortrefflich mit 5 übereinstimmen. Paulus sagt, 
Rom 9, 30, Ifl-vr] . . . xax^Xaßev 8txatooövr]V. 

Die Kraft Gottes, sagt Jesus, Matt 22, 29, Mk 12, 24, kennen 
die Sadduzäer nicht: (xi) etSöxe^ . . . ttjv 56va|itv toö fl-eoö. Bei 
Lukas benutzt Jesus den Ausdruck anders, Lk 22, 69, xa5^|i£vos 
^x Se^cöv Tf]5 5ova(X£ü)g toö «ö-eGö. In der Apostelgeschichte 8, 10 
dagegen haben wir den Ausdruck in völlig korrekter Weise bei 
Simon dem Magier angewendet, wo die Leute von ihm, dem 
Wundertäter, sagen; oixog loxcv i} Sövajxti; xoö %-eo^ t^ xaXoufxevr 
[leyaXr]. Den Anspruch machte Simon für die Kraft, in der er 
schaffte. Für Paulus ist das Evangelium eine 56va|it(; -O-soö 
Rom I, 16, I Kor i, 18. 24, dann weist er aber im 20. Vers von 
Rom I auf Gottes afSto^ 56va|it(;. Das ist genug. Der Ausdruck 
ist geläufig im Neuem Testament. — Ata xo\^xOy ein alltäglicher 
Ausdruck, begegnet im Neuen Testament nicht selten, im Markus- 
evangelium dreimal. 

'ÄTCoxaXoTcxci) wird im Neuen Testament etwa sechundzwanzig- 
mal benutzt, wovon alle bis auf achtmal passivisch sind. Zu 
vergleichen wäre etwa Matt 11,27, Lk 10,22. Imperativisch be- 
gegnet es nicht. — Atxatoauvrj -S-eoi) finden wir häufig im Neuen 
Testament, weder aber in den Evangelien noch in der Apostel- 
geschichte, sondern namentlich bei Paulus, nebst einmal bei 
Jakobus und einmal im zweiten Petrusbrief Doch haben wir nie 
ein 5txatoa6v>] trjaoO. 

npoaXsyo) kommt weder im Neuen Testament noch bei den 



'j8 Das Frcer-LogioD. 

frühesten Idrchlichen Schriftstellern vor, ist aber ein altes Wort. — 
nXrjpöü) wird von der Erfüllung der Zeit gesagt, Mk i, 15: Sxt neizkr^- 
pü)Tat 6 xatpös TLal Tjyytxev i^ ßaoiXeta loO fl-eoO, Job 7, 8 beim Auf- 
gang zum Fest: oxt 6 ejjiög xatpö^ oötccd TceTcX-fjpwxat, und Apg 7, 23 
von Mose: &<; Sk inXr^poxjzo auxw xeooepaxovxaexrjg XP^vo^. 

"OpOi; begegnet nicht im Neuen Testament. — Mit i^ e^ou- 
a:a xoO aaxava wäre Lk 22, 53 und Kol i, 13 1^ k^ouoia xoö axoxou«;, 
namentlich Apg 26, 18, wo wir in der Rede Jesu an Paulus lesen: 
xoO eraoxpec^ai dizb axoxoug efg cpöi; xai xfjg e^ouota^ xoö aaxava 
em xöv -S-ecv. Ferner ist Eph 2, 2 beizubringen: xaxa xöv äpxo vra 
xfji; s^ooota^ xoO iepo«;, xoö 7cv£U|iaxo<; xoö svepyoövxos ev xot^ utoL? 
xfjg dTcetö-etai;. — Auf tffi^b) als ein häufig vorkommendes neu- 
testamentliches Wort brauchen wir nicht genauer hinzuweisen. — 
Aetvog kommt nicht im Neuen Testament vor. — Das Partizip 
des Aorist aixapxifjaai; , ein Partizip dieses Zeitworts, kommt in 
den Evangelien nicht vor. Das Partizip des Präsens kommt 
sonst siebenmal im Neuen Testament vor, des Aorist viermal. 
Goodspeed bemerkt, dass das Hauptwort (£[iapxü)X6g dem Partizip 
vorgezogen ist. Es kommt in den Evangelien mehr als dreissig- 
mal vor. 

napaSt5ü)|it begegnet häufig. HapeSoä-rjv eiq fl-dvaxov dürfen 
wir mit Lk 24, 20 vergleichen, wo die nach Emmaus wandelnden 
erzählen: 7iapl5ü)xav aöxöv ol ap/tepel^ xat ot äpxovxeg t^jjlöv eIc, 
xpt|xa fl-avaxou. napa5f5ü)(xc mit £{<; finden wir an vielen Stellen, 
nennen wir den schönen Vers 2 Kor 4, ii: det yap T^fiei? oi 
^^övxei; d<; ■O-dvaxov TrapaStSofieä-a Sta iriaox}'^, 

TTTOoxpecpü) wird, wenn ich recht sehe, im Neuen Testament 
bis auf zweimal, Apg 13, 34 und 2 Pet 2, 21, im eigentlichsten 
äusseren Sinn gebraucht. Nie wird es darin für „bereuen" oder 
„sich bekehren" angewendet. — M>]X£xt djiapxTfjowatv erinnert an 
das Wort Jesu an den bei Bethesda Geheilten: [XTjxIxt dfjidpxave. 
Ähnlich lautet der Schlusspruch an die Ehebrecherin, Joh 8, 1 1 : 
xaJ OLTzb xoö vöv (jirjxsxt d{idpxav£. 

Die Verbindung Trvsufiaxtxrj So^a ist nicht neutestamentlich, 
ebensowenig öc'^ä-apxog So^a. Diesem letzteren Ausdruck nähert 
sich der Satz Rom i, 23: xr^v So^av xoö dcpS-dpxoo ä-coö. Anderer- 
seits finden wir Rom 2, 7: zoic, ... xcfxtjV xac d^^-S-apatav i^r^xoöatv. 

Dieser Abschnitt verrät in seinem Wortschatz, dass der 
Verfasser die Bekleidung seiner Gedanken aus dem Neuen Testa- 



J 



2. Das Logion: Wortschatz. Übersetzung. ^n 

ment schöpfte, dass heisst, dass unser Neues Testament seine 
heilige Schrift war. Dieser Schluss wird nicht im geringsten 
durch die Verwendung von TcpoaXeyü),' 8po;, und Setvi entkräftet. 
Keines der drei Worte deutet auf eine andere Schrift. Es ist 
nur, dass die damaligen Christen sich nicht verpflichtet hatten, 
nur neutestamentliche Ausdrücke zu gebrauchen. 



Übersetzung. 

* „Und jene entschuldigten sich, indem sie sagten: ^ Dieses 
Zeitalter der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens ist unter 
Satan, ^ der nicht gestattet, dass die durch die Geister ver- 
unreinigten Dinge — will sagen Wesen — * die wahre Macht 
Gottes ergreifen. ^ Deswegen offenbare du jetzt deine Ge- 
rechtigkeit, ® sagten jene Christo. 

' Und Christus sagte zu jenen: ® Die Grenze der Jahre der 
Macht Satans ist erfüllt. ® Doch nahen andere Schrecklich- 
keiten. 1® Und für die, die sündigten, wurde ich dem Tode 
hingegeben, ** damit sie zur Wahrheit wiederkehren und nicht 
mehr sündigen, *2 damit sie die geistige und unverwesliche 
Herrlichkeit der Gerechtigkeit, die im Himmel ist, ererben. 
Markus i6, 15: Sondern gehet hin..." 

Sollten wir Goodspeed (und Nestle) zu 2 — 4 folgen, müssten 
wir dort übersetzen: „ist unter Satan, ^ der durch die unreinen 
Geister [uns] nicht Macht gestattet, * die Wahrheit Gottes zu 
begreifen". Für 56va[xti; mit dem Infinitiv weist Goodspeed auf 
2 Esdras 10, 13: oux saxtv 5üva|it(; axfjvat £§(i). 

In I und 7 habe ich exetvot durch das harte „jene" wieder- 
gegeben; „sie" und „ihnen" würden dem Sinn genügen. — Statt 
„entschuldigten" in i könnte man: verteidigten: setzen. Ich habe 
„entschuldigten" geschrieben, weil man eigentlich nur eine er- 
laubte Handlungsweise „verteidigen" darf, während man eine ver- 
botene zu „entschuldigen" bestrebt sein wird. — In 2 heisst 
„unter Satan" unter der Gewalt Satans. — Sollten wir Sanders' 
Lesart fiir 4 annehmen, hiesse es: „die Wahrheit Gottes und 
seine Macht begreifen". — Am Ende von 4 könnte man statt 
„ergreifen", „erfassen** oder auch wie Sanders: „begreifen" über- 
setzen. 



AO Das Freer-Logion. 

Inhalt 

Dieser Abschnitt zerfällt in die zwei Teile, in die Rede der 
Jünger, die in der Tat eine Gegenrede ist, — und in die Ant- 
wort Christi. Wenn ich einen kleinen Abschnitt genau ansehen 
will, zerlege ich ihn gern schematisch, um ganz sicher zu sein, 
dass kein Wort und so weit wie möglich kein Gedanke mir ent- 
gangen ist. Es ist dies eine sehr äusserliche und, für geistreiche 
Menschen, geistlose Weise zu verfahren. 

Doch gebe ich die zerpflückte Aufstellung hier wieder, denn 
es kann irgend ein Leser ebenso pedantisch wie ich sein. Andere 
können die Zeilen leicht überspringen. 

I. Rede der Jünger: i — 6. 

Einleitung: Zweck der Rede: Entschuldigung = i: xdxetvo: 
djceXoYOuvTo Xeyovxe^ 

A. Ihr Handeln eine Folge ihrer Zugehörigkeit zum 
Zeitalter = 2 

Das Zeitalter: 6 aiwv o^zo(;: ist 

a. gesetzlos: xfjs dvo,ifas j . ^ttributivische Genetive 

b. ungläubig: xfj^ anicziocQ \ 

c. unter der Gewalt Satans: bnb xöv oaxaväv ^ortv: prä- 
dikativisch. 

B. Tätigkeit Satans, die sie beeinträchtigt = 3. 4 eine 
Ausführung von 2 

a. Seine Tätigkeit ist ein Hindern: S |ii) eöv 

b. die von seiner Tätigkeit getroffenen Personen : sie, die 
sie von den Geistern verunreinigt sind : xa bnb xöv Tcveu- 
(xaxü)v dxa-S-apxa 

[bei der anderen Lesart heisst b: die Werkzeuge 
Satans: bizb xwv Tcveofxaxwv ixafl-öcpxwv] 

c. Zweck seiner hindernden Tätigkeit = 4 

a. Bezug seiner Tätigkeit auf Gottes wahre Macht: 

xi)v dXrjä-tvTjV -S-eoi) Suvafitv 
[bei anderer Lesart : auf Gottes Wahrheit und Macht: 

XTjV iXifjä-etav •S-soö (xac) 56va(xtv] 
[bei anderer Lesart: auf Gottes Wahrheit: xyjv iXifj- 



2. Das Logion: Inhalt. ai 

ß. Satan lässt sie diese Macht nicht erfassen: xaxa- 
XaßsaS-at 
[bei anderer Lesart: erlaubt ihnen nicht die Macht, 
um die Wahrheit zu erfassen], 
C. Auf Grund von i — 4 angeknüpfte Bitte=5. 6. 

a. Grund für die Bitte, die geschilderte Tätigkeit Satans: 
5tsb ToöTo: da Satan so gehandelt hat, handle du. 

b. Bitte: Offenbare: i7coxaXi)4>ov 

c. Gegenstand der Offenbarung: deine Gerechtigkeit aoö 
Ti]v 5txatoa6vr]v 

d. Zeit der erbetenen Offenbarung: sofort, jetzt: rjSr] 

e. so sprachen sie = 6 
II. Die Antwort Christi: 7 — 12. 

Einleitung: Er antwortet = 7 

A. Aussage zu ihren Gunsten über Satan = 8 

a. ein ihnen erwünschter Abschluss findet statt : TceTcXTjpwxat 

b. Gegenstand des Abschliessens: 

a. die Grenze, wo abgeschlossen werden muss: 6 öpo; 
ß. die Jahre, worin Satan gewaltet hat: xöv sxöv 
y. die Macht Satans: x^s e^ouatai; xoO aaxava.. 

Daher haben sie fernerhin weder Satan zu furchten, 

noch sich auf ihn als Entschuldigungsgrund zu 

beziehen. 

B. Allgemeine Voraussage^,* die weniger zu ihren 
Gunsten klingt = 9 

a. adversative Richtung: dXXa: es ist doch nicht Alles so 
gut, wie sie aus dem Vorhergehenden hätten schliessen 
können 

b. Aussage: es ist etwas im Aufzug: tffiC^ei 

c. das Herannahende: anderes Schreckliches: äXXa Setva 

C. Ein tröstender Gedanke zur Lösung der durch B 
erregten Besorgnis: seine Bedeutung für sie: sisin Leiden 
und dessen Zweck =10 — 12 

a. wem sein Leiden gilt: ÖTrep xwv Ä(xapx7jaav- 
xü)v: für die von den Geistern Verunreinigten 
und zur Sünde Verführten ): 10 

b. die Art seines Leidens: dem Tode über- 
geben: lyd) Tzxpe86%"rp/ el(; ä-avaxov 

c. dreifacher Zweck seines Todes: 11. 12 



42 



Das Freer-Logion. 



a. damit sie zur Wahrheit zurückkehren: 

tva ÖTcooxpIrj^watv et? ttjV dXijd-etav 
ß. damit sie nicht mehr sündigen: xal 

(xy]X£Tt afiaprr^ocDOtv 
7. damit sie eine Erbschaft antreten: 12 
(a) diese Erbschaft ist himmlisch: ^v 

T(j) oupavü) 
(^) sie knüpft an die Gerechtigkeit: rf]? 
5txatooöv7]i;: dies antwortet in stiller 
Weise auf I. C oder 5 
(y) sie ist eine geistige, immerwährende 
Herrlichkeit 



: II ihre 
Rückkehr 
aus dem 
Bösen 



ihre Heim- 
kehr in ihr 
Erbgut. 



Aus dieser schematischen Aufstellung sieht man, wie stark 
die gegensätzliche Parallelisirung der Wahrheit, in II. c oder 11, 
für die Lesart der Handschrift dX-Zj-S-etav in 4 spricht. Trotzdem 
habe ich mich wegen Hieronymus noch für die Lesart dXrid'iyfi'^ 
entschieden. 

Auslegung. 

In dem gewöhnlichen, unechten, wahrscheinlich aus einer 
Schrift des Aristion entnommenen Schluss des Markusevangeliums, 
rügt Jesus im vierzehnten Vers den Unglauben und die Hart- 
herzigkeit der elf Jünger: „Nachher erschien er den Elf, als sie 
bei Tisch lagen, und er schalt ihren Unglauben und ihre Herzen- 
härtigkeit, dass sie jenen nicht glaubten, die ihn auferstanden 
gesehen hatten". Sofort danach spricht er im fünfzehnten und 
sechzehnten Vers den Befehl aus, die Frohbotschaft zu ver- 
künden, und zwar der ganzen Schöpfung, die Glaubenden zu 
taufen, die Ungläubigen zu verurteilen. Zwischen diese Verse 
schiebt sich nun unser Abschnitt ein. 



L Die Rede der Jünger: 1 — 6. 

Zu X: Hat Jesus ihren Unglauben getadelt, so lassen sie das 
doch nicht auf sich sitzen, nicht mehr als Adam im Paradies 
und gerade nicht mehr als Eva. Denn wie Eva wälzen sie ihre 
Sünden auf Satan. Wir lesen: Und sie entschuldigten sich und 



2. Das Logion: Auslegung zu i und 2. a^ 

sagten oder, indem sie sagten. Eigentlich erwartet man nicht, 
dass getadelte Jünger sich verteidigen, sich entschuldigen. Es 
kommt bisweilen eine Entschuldigung vorher, wie bei den 
Pfunden in Matt 25, 24 25, wo der mit dem einen Pfund betrauten 
spricht. Für gewöhnlich nimmt der gerügte Diener, der getadelte 
Schüler seine Zurechtweisung ruhig, still, ergeben hin. Nach 
unserem Abschnitt murren nicht die Jünger eine Rechtfertigung 
unter sich. Sie reden offen zu Jesus in i: xdcxelvot dTreXoyoövTO. 
Es ist daran zu erinnern, dass die Verwendung von sxelvot für 
die Jünger nicht in den synoptischen Evangelien, dafür aber 
dreimal in dem unechten Markusschluss begegnet. Für die 
synoptischen Evangelien sind exelvot grösstenteils die Gegner, 
„jene" die draussen sind, die ihrem Wesen nach anders geartet sind. 

Das Wort iTueXoYOövxo erinnert uns an die Apologien der 
frühen Christen, Justins des Märtyrers, des Aristides, und des 
Athenagoras. Diese aber verteidigten eine gerechte, eine gött- 
liche Sache. Sie traten im Namen Gottes auf Die elf Jünger 
können ihren Unglauben nicht verteidigen. Sie wissen, dass er 
unrichtig ist. Sie können ihn nur zu entschuldigen suchen. 
Wenn wir fein unterscheiden wollen, müssen wir sagen: Die 
Apologeten verteidigten das Christentum, verteidigten das gute 
Recht der Christen, das zu tun und glauben, was sie taten und 
glaubten. Die Elf aber dürfen ihren Unglauben nicht verteidigen. 
Sie erkennen an, dass ihre Handlung an und für sich strafbar 
ist. Sie wagen nur sich selbst, nicht ihre Tat, zu entschuldigen. 

Zu 2: Ihre Entschuldigung ist eine sehr gründliche, schlägt 
gleich in die Tiefe. Sie sind entschuldbar, weil sie ein Stück 
ihres Zeitalters sind. Es kann kein Mensch aus seiner Haut 
fahren, ebensowenig aber aus seiner Zeit. Er hat sich s^elbst 
nicht erzeugt, er ist es nicht, der ihn an das Licht gebracht 
hat. Was seine Zeit, sein Zeitalter ist, das muss er über sich 
ergehen lassen. Er ist einmal da und ist ein Teil davon. Der 
Ausdruck 6 atwv ouxoq, wie 6 vöv atwv, geht auf das hebräische 
n-TH Dbil? zurück, mit dem Gegenstück 6 atwv 6 {leXXwv oder 6 
aiü)v exetvoi; oder 6 ata)v 6 £px6|i£V0^, hebräisch fc^art Dbi^. Im 
Neuen Testament beschränkt sich die Verwendung dieser Aus- 
drücke auf die Synoptiker und Paulus, abgesehen von einem 
einzigen Vers im Hebräerbrief 6, 5. 

Auf die völlig unsichere und schwankende Trennung der 



Aj^ Das Freer-Logion. 

zwei Zeiten oder Zeitalter dürfen wir hier nicht eingehen. Sie 
wird unsere Gedanken wieder bei 8 beschäftigen. Hier ist nur 
zu bemerken, dass für sie das zukünftige Zeitalter: 6 atwv 6 
|X£XX(i)v noch nicht eingetreten ist. Hat dieses „Zeitalter** hie 
und da eine fast farblose nur zeitliche Bedeutung, so ist es 
grösstenteils ein Hort des Bösen, des Ungöttlichen, des Gegen- 
göttlichen. Ein solcher Charakter wird ihm dann hier zuge- 
schrieben. Zuerst wird es durch die zwei Genitive näher be- 
schrieben. Diese Genitive können aus manchem Gesichtswinkel 
betrachtet werden. Wir könnten sie als Genitive der Quelle: ein 
Zeitalter, das aus der Ungesetzlichkeit und dem Unglauben her- 
vorgeht: oder Genitive der Apposition: ein Zeitalter, das Ungesetz- 
lichkeit und Unglauben ist: oder Genitive des Objektes: ein Zeit- 
alter, das auf Ungesetzlichkeit und Unglauben zielt. Es bleibt 
aber bei dem einen attributivischen Gedanken: dieses Zeitalter 
ist ungesetzlich, gesetzlos und ungläubig. 

Unter dvofxca haben wir gar nicht auf das mosaische Gesetz 
zurückzugehen, so sehr auch Gesetzlosigkeit für die Juden und 
deswegen für die Christen von dem Standpunkt jenes Gesetzes 
aus orientirt war. Gesetzlosigkeit war nicht nur ein heidnischer 
Zustand — vgl. Rom 2, 12; i Kor 9, 21 — , der Zustand eines 
Menschen, der von Hause aus das mosaische Gesetz weder 
kannte noch achtete. Denn auch der geborene Jude konnte 
sich auch ausserhalb des Gesetzes und gegen das Gesetz stellen. 
Er erreichte dadurch die Gesetzlosigkeit, wie i Joh 3, 4 uns 
sagt: Tzotq 6 ttoiöv T7)v ifiapttav xal tyjv dvofxtav izoiei, y.al t^ ifjtapxta 
eaxiv "i] ivo|ita. Satan selbst ist der grosse dvofioi;. — Die dmaxia — 
das Wort kommt etwa elfmal im Neuen Testament vor, die 
Sache selbst viel häufiger — läuft durch die ganze Tonleiter der 
Schattirungen, die in nicu^ vorkommen, vom einfachstem Glauben 
und Unglauben des getanen Spruchs bis zur Leistung und Ge- 
nuss oder Weigerung und Entbehrung des persönlichsten Zu- 
trauens und Vertrauens auf Liebe und Schutz. Hier sind die 
beiden Ausdrücke in einem gesteigerten Sinn aufzufassen. Dieses 
Zeitalter vertritt die wildeste Gesetzlosigkeit und damit den 
frechsten Unglauben. Wie in Jesais 57, 4: b\iel(; laxe xlxva dind- 
Xsiag, OTrepjia ävojiov. 

Doch werden jene beiden mehr attributivische Merkmale des 
Zeitalters durch die prädikativische Beschreibung, die dea Satz 



2. Das Logion: Auslegung zu 2 und 3. aC 

beherrscht, übertroffen. Dieses Zeitalter der Gesetzlosigkeit und 
des Unglaubens ist unter dem Satan. Die Preposition öto mit 
dem Akkusativ hat hier keine Spur von dem Nebensächlichen, 
bedeutet nicht im mindesten nur eine Neigung, eine Richtung 
gegen Satan zu. Der Sinn ist eben so krass und voll, wie wenn 
es bnb toO aaxavÄ hiesse. 

Das Wort aatava^ erweckt die Erinnerung an manche neu- 
testamentliche Stelle, die für uns diesen Satz beleuchtet, die 
andererseits für den Verfasser des Satzes mit, den Hintergrund 
seines Gedankens bilden half. Das öiraye aaxava der Versuchung, 
Matth 4,10, klingt wieder sonderbar durch, wo Jesus dem irdisch 
gesinnten Petrus das Wort ins Gesicht schleudert: uTcaye ÖTutato [xou 
aaTavä- „Du bist mir ein Ärgernis, weil du nicht, was Gottes ist, 
sondern was der Menschen ist, ins Auge fassest", Matth 16,23, 
Mk 8,33. Satan betätigt sich bald hier bald dort. Er reisst 
das eingesäte Wort aus den Herzen, Mk 14,15. Er ging in das 
Herz des Judas Ischariot ein, Luk 22, 3, Joh 13, 27. Er suchte, 
möchte man in einer Verwirrung der Bilder sagen, den Petrus 
aus der Gemeinschaft des Heilandes „herauszusieben", Luk 22,31. Er 
hinderte Paulus daran, die Thessaloniker zu besuchen, i Thess2,i8. 
Auf dvo|ita zu beziehen ist 6 Ävo|iOi; in 2 Thess 2, 8. 9, dessen 
Gegenwart xax' Iv^pystav toO oaxava ist. Da haben wir die Ge- 
walt des Satans. Der Sinn unseres Satzes 2 ist, dass dieses 
Zeitalter in der „Gewalt", unter dem mächtigen, unwiderstehlichen 
Einfluss Satans ist, das ist öttö x6v oaxavccv laxtv. Schliesslich 
ist auf Rom 16,20 hinzuweisen, wo Paulus das Zermalmen Satans 
unter den Füssen der Christen in Aussicht stellt. So weit zu 2. 

Zu 3: Gleich zu Anfang von 3 entsteht die Frage, die wir 
in den textkritischen Bemerkungen berührt haben. Das 8, das bei 
Homer und in der alten Sprache d<; ersetzen kann, ist natürlich 
hier nicht zu erwarten. Nestle tilgt es. Goodspeed verwandelt 
es in xov. Aber es steht einmal da. Ist es eine bewusste oder 
unbewusste Anlehnung des Schriftstellers an Altes oder eine 
Neigung zum Ionischen, oder ein Schreibfehler, so ist der Sinn, 
und darauf kommt es zuletzt und hauptsächlich an: „der". Das- 
selbe gilt für die drei Worte zusammen, ob wir 6 (i^ l6)v oder 
jXT^j ^övxa oder xöv [xi] eövxa zu lesen haben, der Sinn ist: „der 
nicht gestattet". 

Bei den folgenden fünf Worten, wenn wir xa für den Augen- 



Aß Das Frcer-LogioD. 

blick mitzählen, entsteht eine völlig andere Auffassung, wird ein 
ganz anderer Sinn möglich, falls wir nach den Vorschlägen von 
Nestle und Goodspeed den Artikel in das Suffixum des Partizips 
verschwinden lassen und eövxa lesen. Dann verbleiben von den 
fünf Worten nur vier: 67:6 xöv Tcveufiixwv dcxaS-apxa. Im genauen 
Verfolge dieser Lesart bliebe der Sinn: Dinge von den Geistern 
verunreinigt. Nehmen wir aber den Genitiv (^xafl-flcpxwv an, so 
haben wir in diesen vier Worten nicht zwei Arten von Wesen: 
Geister und Menschen, sondern nur eine Art: unreine Geister, 
die üblichen, die so häufig begegnen. Diese Tcveufiaxa dxaS-apxa 
scheinen zuerst unwidersprechlich wirklich jene unreine Dämonen 
der Evangelien zu sein. 

Doch ist die Präposition ötto für das persönliche Werkzeug 
nicht, so recht passend. Man würde 5ta erwarten, was Harnack 
uns für xa utco vorgeschlagen hat. Nun ist es zwar der neu- 
testamentliche biblische Gebrauch, TcveufJiaxa nicht so sehr fiir 
menschliche Wesen, ob auf Erden lebend oder ob in Hades 
oder im Himmel, sondern für übermenschliche, ob göttliche ob 
teuflische Wesen zu verwenden. Doch ist die Möglichkeit der 
Verwendung für Menschen nicht schlechthin ausgeschlossen. 
Fassen wir den Ausdruck so auf, haben wir nicht nötig ein 
fehlendes „uns" einzuschieben. Der Teufel gestattet nicht, dass 
die von ihm verunreinigten Menschen etwas tun, er lässt nicht 
zu, dass ein Gewisses von ihnen geleistet wird. Mit diesem im 
Sinne gehen wir zu 4 über. 

Zu 4: Nach der Lesart, die ich oben im Text annehme, 
haben wir hier zwei Auffassungen zur Verfügung, je nachdem 
wir in xaxaAaßlaS'a: ein Medium oder ein Passivum sehen wollen. 
Diese zwei Auffassungen knüpfen an das Vorhergehende aufs 
engste an und richten sich nach der Bedeutung, die dem Worte 
dxaö-apxa oder ixaS-apxwv beigelegt wird, oder auch nach der 
Einfügung oder Weglassung von einem „uns" oder „den Men- 
schen". Bleibt dxa^apxa als Menschen, oder fügt man „uns" 
oder „den Menschen*' in 3 ein, denen etwas verwehrt wird, so 
haben wir in 4 ein Medium und es heisst: nicht gestattet uns 
oder den von den Geistern verunreinigten Menschen, die wahr- 
haftige Macht Gottes zu erfassen, zu begreifen. Nehmen wir 
aber an, dass axaS-apxwv, nicht dxaS-apxa, das richtige Wort ist, 
können wir den Satz umdrehen und die Tcveöfxaxa als die von 



2. Das Logion: Auslegung zu 3 und 4. a*j 

Satan verunreinigten Menschen ansehen. Dann lassen wir 
xaxaXaßea-ö'at ein Passivum sein. So heisst es: nicht gestattet, 
dass die wahre Macht Gottes durch die unreinen Geister erfasst 
werde. Für mich, bleibe ich bei der härteren Lesart und der 
weniger möglichen Übersetzung. 

Der Sinn des Ganzen ist: Du hast nicht Recht, wenn du 
uns wegen jener Gesetzlosigkeit und jenes Unglaubens hart an- 
fährst. Denn wir können nichts dafür. Wir sind Kinder unserer 
Zeit, und die ist gesetzlos und glaubenslos, weil Satan nicht 
erlaubt, dass die von den Geistern Verunreinigten die wahre 
Macht Gottes erfassen. Hier ist es, wie schon bemerkt, dass 
man statt 5öva|xtv das Wort Scxa:oa6vy]v hätte erwarten können: 
die wahre Gerechtigkeit Gottes zu erfassen. Was die Gesetz- 
losen und Glaubenslosen zuerst brauchten, war Gerechtigkeit oder 
Rechtfertigung, nicht Macht. Der Gedanke, dass sie Macht 
brauchten, um die Gerechtigkeit zu erfassen, der bei Goodspeeds 
Lesart zum Ausdruck kommt, ist weniger direkt. Andererseits 
aber war es gerade Macht, die sie nötig hatten, um sie zu be- 
fähigen, dem sie bezwingenden Satan zu trotzen. 

Die anderen Lesarten ergeben für diesen Satz zweierlei Ab- 
weichung. Lesen wir mit Sanders aXifjö-etav und nach xaxaXaßeaS-at 
ein xai, so ist das, was Satan ihnen zu ergreifen verbietet, zuerst 
das Innerliche, das Begriffsmässige „die Wahrheit". Diese Wahr- 
heit Gottes könnte in dem weitesten Umfang aufgefasst werden, 
als Inbegriff von allem, was ein Mensch wissen könnte über 
Gott, über die Menschheit, und über die Beziehungen der beiden. 
Doch ist die Seite, die Fazette der Wahrheit, die hier mehr zur 
Geltung kommt, die, die sich auf die Rechtfertigung der Menschen 
bezieht. Darauf folgt dann als nachschleppender Gedanke, die 
Macht Gottes. Diese schwache Beibringung der Macht gefällt 
mir nicht. 

Dafür lässt Goodspeed das xai von Sanders weg und setzt 
56va[itv als Gegenstand der satanischen Hinderung: der uns die 
Macht nicht gestattet Gottes Wahrheit anzunehmen. Das Ge- 
statten oder das Verhindern verbinde ich lieber unmittelbar mit 
dem Infinitiv. Statt Wahrheit und Macht, die ich als eine Art 
Hendiadys ansehe, zöge ich „mächtige Wahrheit" oder „wahre 
Macht" vor, und deswegen ist mir die Lesart des Hieronymus 
so durchaus annehmbar. 



48 Das Freer-Logion. 

Das Zeitwort xaxaXafxßavü), das im Neuen Testament etwa 
ein dutzend Mal vorkommt, die Hälfte äusserlich, die Hälfte 
innerlich gerichtet, mag hier so oder so genommen werden. 
Eine Wahrheit zu erfassen, zu ergreifen, ist eine Wahrheit so 
weit zu verstehen, zu begreifen. Wenn in Joh 1,5 die Finsternis 
das Wort nicht aufnimmt, heisst es xai t^ oxoxta auxö (tö ^w^) 
o\} xaxeXaßev. Die Richtung ist anders, als Jesus Joh 12,35 sagt: 
„Wandelt, wie ihr das Licht habt, damit Finsternis euch nicht 
ergreife", Tieptiraxetxe (1)5 zb :p(ü<; bx^tZj tva |i^j axoxfa ö|XflC(; xaxaXdßr]. 

Zu 5: Diese Worte schliessen den ersten Teil dieses neuen 
Abschnittes ab. Sie treten heraus aus dem Rahmen der vor- 
hergehenden I — 4. Dort fanden wir Entschuldigung, hier finden 
wir eine Bitte, eine Forderung, eine Aufforderung. Sie schliessen 
sich aber richtig an i — 4 an. Die Bitte ist eine naturgemässe 
Folge der dargetanen Entschuldigung: Wir sind entschuldbar, 
denn das ist unsere Lage. Da das unsere Lage ist, trete du für 
uns ein. 

Deswegen, 5ta xoOxo, angesichts Alles, was wir vorgetragen 
haben, unter Berücksichtigung dieser Handlungsweise des Satan, 
wenden wir uns an dich. Der Ausdruck 5ta TO\ixo begegnet nur 
dreimal bei Markus und viermal bei Lukas, aber elfmal bei 
Matthäus und fiinfzehnmal bei Johannes. 

Sie bitten ihn um eine Offenbarung. Das war eine offen- 
barungssüchtige Zeit. Die Juden im allgemeinen und die Christen 
ins besondere litten unter allerlei Druck und ersehnten eine 
glücklichere, bald offenbar zu werdende Zukunft. Sie suchten 
den Schleier vom Gesicht der kommenden Tage wegzureissen. 
Diese Bitte ist eine zeitgemässe. „Offenbare deine Gerechtigkeit 
jetzt." Hier ist nicht mehr ein Tentatives, ein Zweifelndes, wie 
bei den Juden Joh 2,18: „Welches Zeichen zeigst du uns, dass 
du dieses tust": xt arjjietov Secxvuet^ T^jJttv, oxt xaOxa Tcoteig; oder 
bei Philippus Joh 14,8: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt 
uns": x6pt£, Sel^ov f^iilv xöv uaxlpa, xat dpxel i^fitv. Für den Ver- 
fasser dieser Worte ist jene Zeit längst vorbei. Ihm ist alles 
sicher: Christus und Christi Macht und Christi Gerechtigkeit. 

Das Wort Gerechtigkeit lässt sich sofort dem ersten Attribut 
des Zeitalters entgegenstellen, wie in 2 Kor 6, 14: „Denn welche 
Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? oder 
welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis?" xi ydcp [leTOxr^ 



2. Das Logion: Auslegung zu 5. aq 

Stxacoa6v7]g xac dvofxtai;; rj xti; xocvwvta cpwxc Trpög axoTO^; Trotzdem 
hätte man hier eher die Bitte erwartet, Jesus möchte seine Macht, 
seine 56va|itg, als seine 5txatoa6v>], seine Gerechtigkeit offenbaren. 
Satan erlaubt nicht. Satan bezwingt. Satan übt Macht aus. 
Dem gegenüber schiene Macht, Gegenmacht am Platze. Da wir 
aber das Wort 5txacoo6vy] nicht mit dem Worte 56vajiiv in 4 ver- 
tauschen können, können wir uns mit dem Gedanken beruhigen, 
dass es schliesslich auf eins herauskommt, ob die Macht Christi 
den Satan zerschlägt, oder ob die Gerechtigkeit die Gesetz- 
losigkeit und den Unglauben überwältigt. Beides ist ein Über- 
winden der Gewalt Satans. Der Begriff der Stxatoauvr] ist be- 
sonders ein „hebräisch-palästinischer", sagen wir lieber „jüdischer", 
und deswegen urchristlicher an njJlS anknüpfender Begriff. Das 
mosaische Gesetz hatte das Ziel, die Gerechtigkeit zu bringen. 
Das war, irdisch gesagt, die mosaische Gerechtigkeit, die Ge- 
stalt der Gerechtigkeit, die Moses vorschlug oder zum Vortrag 
brachte. 

Hier könnte man, wenn die eben betonte Sicherheit fehlte, 
an eine Parallele zu der Frage Apg 1,6 denken: „Herr, ob du 
zu dieser Zeit das Reich dem Israel wiederaufrichtend zurück- 
erstatten wirst .^" x6pt£, £1 £v t6) XP°^V toöto dTcoxa-O'toTavfics ttjv 
ßaacX£tav T(p lapaTfjX; Der Verfasser unseres Abschnittes hat die 
Sache nicht mehr von der Seite des jüdischen Gottesreiches aus 
betrachtet. Er denkt an Gerechtigkeit in einem weniger irdischen, 
mehr eschatologischen, jenseitigen Sinn. Er weiss nunmehr von 
Paulus und von dem im Neuen Testament niedergelegten Evan- 
gelium Gottes. Er fasst das Evangelium gewiss im Sinne Pauli, 
Rom 1,17, auf: „Denn Gottesgerechtigkeit ist darin offenbart": 
8txatoo6v7] '^cf.p ^zo\S dv aOxcp aTi;oxaX67rT£Tat. Indem er dann die 
Jünger so reden lässt, denkt er nicht an die Juden und ihre, auch 
nicht an Mose und seine Gerechtigkeit. Es ist möglich, dass er 
sich keine bestimmte Vorstellung davon machte, wie diese Ge- 
rechtigkeit beschaffen werden sollte. Wahrscheinlich hat er das 
Gericht, den jüngsten Tag, ins Auge gefasst. Die Gerechtigkeit 
Christi heisst vielleicht dann für ihn der Gerichtstag Christi: 
Komme "du sofort. Richte du die Lebendigen und die Toten. 
Richte und vernichte du den Führer und Aufmunterer der Bösen, 
den Unterdrücker und Verunreiniger der armseligen Kinder dieses 
Zeitalters. 

Gregory, Versuche und Entwürfe, i. 4 



50 ß<s Freer-Logion. 

„Deine" , Gerechtigkeit hat hier einen selbständigeren Sinn 
als es bei Mose hätte haben können. Moses war der Knecht, 
Christus ist der Sohn. Moses war der Führer in der Wüste, 
Christus wird der Richter auf dem Thron sein. Die Zeit, fßr^, 
sofort, jetzt, gestattet kein Zögern: Wir haben die lange Be- 
drückung satt. Wie lange Herr, wie lange? Offenbare deine 
Gerechtigkeit jetzt. Der Zweck der Offenbarung ist ein zwie- 
facher. Einmal ist Satans Macht zu vernichten, seine Tätigkeit 
zu unterdrücken. Zweitens 5ind sie, die Jünger, zu entsündigen, 
aus der Herrschaft, der Sünde zu befreien, und zur Wahrheit 
zurückzuführen. . 

Zu 6: „Jene Sprachen* zu Christus." Sie reden nicht zu Jesus 
dem Propheten aus Nazaret und Galiläa. Sie wenden sich an 
den mächtigen von Gott ausgewiesenen Gesalbten. 

f 

IL Die Antwort Christi: 7 — 12. 

So weit, bis 6, erstreckte sich die Mitteilung des Hieronymus. 
Die Veranl^sung zum Ausspruch Christi erzählte er. Die Worte 
Christi führte er nicht an. Sie passten nicht in den Rahmen 
seiner Erörterung mit dem Pelagianer. 

Zu 7: „Und Christus sprach zu jenen": xai 6 xptaxög exeivo:^ 
f^ooekey^v. Der Anschluss der Antwort an die Frage in dieser ein- 
leitfendön Formel ist ein enger. Jene sprachen: eXeyov und er er- 
widefte, 'Sprach gegen sie zu: TrpoaeXeyev. Zum dritten Male haben 
wir*^d^i Watt sxstvot für die Jünger, statt für die Juden und die 
Haiden, di^ Jesu feindlich oder gleichgültig gegenüberstanden. Dass 
das Wort ;u^öaX£Y(j) nicht im Neuen Testament vorkommt, ist von 
einiger Bedeutung. * Es ist ein vollständig gutes, altes Wort, und 
hätte im Netten Testament ebenso leicht vorkommen wie hier 
durch dTCEXpiQ-V; ei:ßetzt werden können. Doch scheint es, so weit 
unsere Belege bis-.. jetzt reichen, für das Anreden hauptsächlich 
in späterer Zeit verwendet worden zu sein. Vielleicht bringt 
uns Deissmann neue Belöge für das Wort aus den Papyri. 

Zu 8: Das erste, das Christus sagt, zielt auf den Satan, ant- 
wortet in einer Weise auf ihre klagende Entschuldigung, ver- 
spricht deshalb Abhilfe für die Klage. ''Otl ist nur das Kolon 
vor dem Ausspruch. Er sagte: Folgendes. Das Wort TceTrXr^pwrai 
gibt einen Abschluss an. Es ist, als ob man an einem Brunnen 



I 



2. Das Logion: Auslegung zu 6 — 8. 5I 

wartet und den Eimer ansieht, während das Wasser in ihn fliesst. 
Das Wasser steigt und steigt. Es erreicht den Rand des Eimers. 
Er ist voll. So schaut man die Zeit an und sagt dann: Die Zeit 
ist voll. Es ist erfüllt. IleTcXiQptoTaL. Das heisst aber: ist abge- 
schlossen. 

Fassen wir den übrigen Satz vom Schlüsse aus an. Sie 
haben geklagt: Unsere Zeit, unser Zeitalter, und wir darin sind 
„unter dem Satan'*. Das ist so viel wie wenn sie sagten: unter 
dem Einfluss, unter der Macht, unter der Gewalt, unter der 
Autorität und Herrschaft Satans. Dieser Klage gegenüber ver- 
sichert ihnen der Christus, dass die Autorität, die Vollmacht 
Satans: -fj e^ouata toO aaxava: jetzt ihren Abschluss findet. Für 
diese e^ouaia toO aaxava schauen wir in den zweiten Thessaloniker- 
brief, 2 Thess 2, 4. 8. 9. wo Satan und die Seinen in einem 
Knäuel vorgeführt sind. Es ist nicht nötig, sie zu entwirren oder 
auszufitzen, denn sie gehören zusammen: „Sich selbst in den 
Tempel Gottes setzend, sich selbst darstellend, dass er Gott 
ist . . . Und dann soll der Gesetzlose geoffenbart werden, den 
der Herr Jesus wegheben wird mit dem Atem seines Mundes 
und vernichten mit der Erscheinung seiner Gegenwart, [ihn ver- 
nichten] dessen Gegenwart nach kräftiger Wirkung Satans ist in 
aller Macht und in Zeichen und Wunder einer Lüge.** Dies 
spiegelt sich im Barnabasbrief, 15, 5 wieder: „Wenn sein Sohn 
kommen und die Zeit des Gesetzlosen vernichten wird". Wir 
kommen sofort wieder darauf zurück. Erst müssen wir die 
weitere Einrahmung haben. 

Der Ausspruch Christi sagt nicht unmittelbar: die Vollmacht 
Satans ist zu Ende. Der Ausdruck wird durch ezr} weiter geführt. 
„Die Jahre der Vollmacht Satans.*' Wie viele die Jahre gewesen 
sind, wird nicht angedeutet. Kein Anfang wird abgemessen. 
Das sind aber nicht wenige, einzelne Jahre. Das sind Jahrzehnte, 
Jahrhunderte, Jahrtausende. Wir dürfen über Moses und den 
Gegensatz gegen sein Gesetz hinauf, — und über Noe und die 
Gesetzlosigkeit und den Unglauben seiner Zeit hinauf, — und 
am Ende im Paradies anlangen, wo die Schlange das Weib und 
das Weib den Mann zur Auflehnung gegen Gottes Verbot ver- 
führte. Die Jahre der Vollmacht Satans, xa Izt] zfiQ e^ouatag to5 
aaiavöc sind viele und lang gewesen. 

Es ist aber ihnen eine Grenze gesetzt worden, und diese 

4* 



C2 Das Freer-LogioD. 

Grenze ist es, die jetzt erreicht ist. „Die Grenze der Jahre der 
Vollmacht des Satan ist voll:'* 6 6pog töv stöv Tfjs e^ouota^ icO 
oaxavdc. Was die Abgrenzung ist, wird nicht gesagt. Die Offen- 
barung 12,12 spricht von der grossen Wut des Teufels: „Wissend, 
dass er wenig Zeit hat": eiSo)^ Sxt öXtyov xatpöv exet. Wieder 
erzählt die Offenbarung, 20, 2. 3. 7, von einer Grenze, von einer 
bestimmten Zeit Hier aber ist die Zeit, eine Zeit der Gefangen- 
schaft für Satan: „Und [der Engel] ergriff den Drachen, die alte 
Schlange, die der Teufel und der Satan ist — 6 eaxtv 6 5taßoXo; 
xot 6 aaxavdc^ : man merke äaxtv, das auf 6 öcpt«; 6 dpx<*^°€ folgt — > 
und band ihn tausend Jahre, und warf ihn in den Schlund . . . 
damit er nicht mehr verführe die Völker, bis die tausend Jahre 
vollendet sind. . . . Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, 
wird Satan befreit aus seinem Gefängnis/' Das ist nicht unsere 
Grenze, nicht 6 6po^, der Satans böse Tätigkeit abschliesst. 

Eher könnte man auf die Worte Jesu Luk 10, 18—20 hin- 
weben, wo er sagt: „Ich sah Satan wie Blitz aus dem Himmel 
fallend." Übrigens würde man in dem 20. Vers einen Beleg dafür 
finden, dass Tcveuixaia — siehe oben 3 — für böse, unreine Geister 
gesetzt werden kann. Der Codex Bezae liest statt 7cveu|Jiaxa 
derber Sac|i6vca. Es heisst: „Aber in diesem freuet euch nicht, 
dass die Geister euch Untertan sind'*. tcX^jv ev xoöx(p (itj x^^'p^'^- 
du xa 7cve6|iaxa 6|itv bnozdaoezai. Auch liesse sich Joh 12, 31 
beibringen: „Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen": 
vOv 6 Äpx(ov xoö x6a(iou zoüzorj exßXrjfl-Tfjaexat e^to. Ähnlich erklärt 
•Jesus, Joh 16, II: „Dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist": 
Sxc 6 äpxwv xoö xoapiou xoixou xexptxac. 

Wenn 6 dpoQ xwv exöv xfji; ^^ouatag xoO aaxava: „die Grenze 
der Jahre der Vollmacht des Satan" erreicht, voll ist, dann muss 
ein Anderer die Vollmacht haben. Das behauptet Jesus Matt 28,18: 
„Es ist mir alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben*': 
sSod-ri \ioi Tnaaa e^ouaca ev oupavö) xa: ztzI x^Q- Eusebius berührt 
diesen Gedanken in seiner unten, S. 63, angeführten Theophanie, 
Bruchstück 8, S. 22* Z. i — 3: „Nach dem Sieg über den Tod 
lehrt er, dass vom Vater die Vollmacht über die Völker auf 
Erden nicht mehr Engeln, sondern ihm gegeben ist: yj xö)v eizi 
yf^q e^vöv e^ouata. Es ist Vollmacht gegen Vollmacht, göttlich 
übertragene Vollmacht gegen teuflisch an sich gerissene Voll- 
macht. 



2. Das Logion: Auslegung zu 8. c-2 

üeTrXyjpwTat 6 Spo^: die Grenze ist erreicht. Das bringt uns 
auf eine oben flüchtig berührte Frage zurück. In 2 fingen die 
Jünger ihre klagende Entschuldigung mit den Worten an: „Dieses 
Zeitalter*' 6 aJwv ouzoq. Wenn wir versuchen bei den Juden im Alten 
Testament und bei den Christen im Neuen Testament eine Abgren- 
zung des „gegenwärtigen Zeitalters" zu erlangen^ fällt uns die Sache 
schwer. Haben wir die Endgrenze des gegenwärtigen Zeitalters, 
so ist damit die Anfangsgrenze des zukünftigen Zeitalters ge- 
geben. Was den Anfang des gegenwärtigen Zeitalters anlangt, 
haben wir ihn genügend unter dem opoc, besprochen. Die An- 
fangsgrenze der Jahre der Vollmacht Satans können wir als den 
Anfang des gegenwärtigen Zeitalters betrachten. 

Der Schluss des gegenwärtigen Zeitalters kann sehr ver- 
schieden aufgefasst werden. Bisweilen hat es den Anschein, dass 
das alte Zeitalter mit der Geburt Jesu aufhörte. Dann aber 
scheint wieder der Anfang seiner Predigttätigkeit, oder seine 
Kreuzigung am Schlüsse seiner Predigt im Sinne der Redenden 
oder Schreibenden zu sein. Und, weit in die Zukunft greifend, 
meint man bisweilen, das alte Zeitalter dauere bis zum Wieder- 
kommen Jesu, oder bis zum Gericht, oder bis zur Wiederher- 
stellung aller Dinge, da Jesus Alles in die Hände seines Vaters legt. 

Bei dieser Mannigfaltigkeit der Vorschläge für den Schluss 
dieses Zeitalters, scheint unser Abschnitt, mit seinem : „Die Grenze 
der Jahre der Vollmacht Satans ist erreicht", das mit der Er- 
scheinung des Auferstandenen verknüpft ist, den Mittelpunkt 
oder einen Mittelpunkt unter den vorgeschlagenen Grenzen im 
Sinne zu haben. Danach schliesst dann „das gegenwärtige Zeit- 
alter", hebt „das kommende Zeitalter" an, mit der Auferstehung 
Jesu. 

Das ist der erste Satz dieser Rede Jesu: Die Tätigkeit Satans, 
die euch geplagt, unterdrückt, geschwächt, vom Erfassen, Er- 
greifen und Begreifen der wahren Macht Gottes zurückgehalten 
hat, ist zu Ende. In Zukunft habt ihr nichts vom Satan zu 
fürchten. Von jetzt ab gilt diese Entschuldigung nicht mehr. 
Das ist ein tröstlicher Satz. Er muss sie beruhigen. Danach 
dürfte man irgendwelche weitere Ausführung über die Vernich- 
tung Satans erwarten. Es folgt aber nichts derartiges. Wir 
fragen uns, ob einiges ursprünglich dort geschrieben, aber von 
dem Mann, der diesen Abschnitt hier einfügte, ausgelassen wurde. 



54 ^^ Freer-Logion. 

Zu 9: Jener willkommenen Erklärung in 8, folgt hart auf 
den Fersen in 9 eine sehr unwillkommene: „Aber es nahen andere 
Schrecklichkeiten." Das ist ein sehr kurzgefasster, abgebissener 
Satz. Der Vorschlag xtva zu schreiben, würde ihn abmildern: 
„Aber es naht noch Einiges". Das wäre aber all zu farblos und 
nichtssagend. Das passte gar nicht zu e^ytl^et. Man sagt in 
einem solchen Falle syyi^ei eher von etwas, das Staunen ob 
Freude ob Schreck hervorzurufen geeignet ist. 

Der Vorschlag Johannes Kunzes: aXYjS-cva, das Wahrhaftige; 
statt diXka Setva zu lesen, würde das Schwache in ÄXXa xtva ver- 
meiden und einen gewissen Anschluss an den folgenden Ge- 
danken bieten. Doch kommt mir diese Lesart aus paläographischen 
Gründen nicht besonders wahrscheinlich vor, und der Gedanke 
scheint mir nicht ganz richtig zu passen. Jesus spricht vom Ab- 
schluss der Vollmacht Satans. Dass er dann von sich in der 
dritten Person als „dem Wahrhaftigen" reden sollte, um sofort in 
der ersten Person fortzufahren, kommt mir wenig ansprechend vor. 

Daher bleibe ich bei der Lesart iXXoL Seiva. Tlyytxsv in der 
Predigt des Täufers, Matt 3,2, und in der Predigt Jesu Matt 4, 17, 
scheint hier durchzuklingen. Dort ist es aber ein Erwartetes und 
ein Erfreuliches, hier ein Unerwartetes und Furchterregendes, 
das naht. 

Was diese schrecklichen Dinge sein werden, wo man etwas 
darüber erfahren kann, verlautet nicht. Man käme leicht auf 
das vierundzwanzigste Kapitel des Matthäus. Vers zwölf darin 
erinnert uns an den Anfang unseres Abschnittes, an das Zeit- 
alter der Gesetzlosigkeit, denn es heisst dort: „Und wegen der 
Vermehrung der Gesetzlosigkeit wird die Liebe der Vielen er- 
kalten": %od 5ta TÖ TcX>3^uv^^vaL tyjv ivo|xcav (J^uy/jaexa: 'f} iyaT:^; 
Töv TcoXXwv. Oder man könnte jenes zwanzigste Kapitel der 
Offenbarung anfuhren, das ich oben erwähnte. Dies passte aber 
schlecht. Dort ist von der tausendjährigen Haft Satans erzählt. 
Die Wirren, die dann bei seiner Enthaftung stattfinden, scheinen 
im Verhältnis von kurzer Dauer zu sein. 

Wir haben am Schlüsse von 8 gefragt, ob das nicht zu kurz 
wäre, ob nicht Ausführungen fehlten, die früher hier gestanden 
haben. Derselbe Gedanke drängt sich uns hier auf. Dieser Satz 
könnte eine schlechte Übersetzung sein, er sieht aber auch wie 
ein abgerissener Auszug aus, ob übersetzt oder nicht. Satz 8 



2. Das Ijogion: Auslegung zu 9.10. er 

war angenehmer Art, stillte Furcht. Ohne das geringste ver- 
mittelnde Wort, ohne eine aiuch schriftstellerisch gebotene Über- 
leitung, ohne irgend wie -persönlich teilnehmend auf den Um- 
schlag der Stimmung vorzubereiten, folgt die neue orakelhafte 
Ankündigung kommender Übel. 

Zu 10: Sahen 8 und 9 auszugartig aus, so beginnt 10 eben 
so unvermittelt, als ob man es aus einem anderen Buch abge- 
schrieben hätte, ohne sich um die Einleitung dazu zu kümmern. 
Die Worte von 9 stürzten unangemeldet herein. Ebenso unan- 
gemeldet tritt ihr Nachfolger auf. Man könnte wahrhaftig glauben, 
9 wäre eine Glosse, die vom Rand in den Text geraten wäre. 
Dann wären die übrigen Worte einheitlich im Inhalt. Es ist 
wahr, dass auch dann die Anknüpfung von 10 an 8 nicht all zu 
glatt und logisch sein würde. Es gäbe aber dabei keine be- 
sondere Verzerrung sich befehdender Gedanken, worin Trost und 
Drohung sich die Wage hielten. 

Eine Glosse wie 9 wäre durchaus denkbar. Ein Leser, der 
apokalyptisch, eschatologisch geneigt, dessen Gehirn voll von 
den häufig überlegten grausigen Ereignissen der Endzeit war, 
könnte sehr leicht, als er den Satz 8: Jetzt ist es mit Satan aus: 
las, sofort von der Gefährlichkeit der Einlullung ergriffen, an den 
Rand geschrieben haben: Das geht doch nicht so rasch. Man 
soll sich nicht in Sicherheit wiegen. Man glaube nicht, damit 
sei aller Plage. Ende gekommen. Bei Leibe nicht einschlafen. 
Gebt Acht. Es nahen andere schreckliche Dinge, auch wenn 
durch die eben gelesenen Worte Satan nicht mehr seine Voll- 
macht ausüben darf Ich bin sehr geneigt, 9 für eine einge- 
schlichene Randglosse zu halten. Kehren wir zu 10 zurück. 

Auch wenn Satan das Ende seiner Vollmacht erreicht, auch 
wenn er gebunden ist, sind die Menschen, die in der Gesetz- 
losigkeit und in dem Unglauben gelebt haben, keineswegs aus 
dem Banne ihrer früheren Bedrückung befreit. Denn sie haben 
darin und darunter seelisch gelitten, an ihren Seelen gelitten. Sie 
haben gesündigt, bis die Sünde zu ihrer zweiten Natur geworden 
ist. Sie können nicht anders. Der Schluss der satanischen Herr- 
schaft berührt sie am Ende kaum. Sie liegen am Boden. Sie 
sind verurteilt, denn sie haben gesündigt. Sie sind geschwächt 
und können nicht, was Recht ist, sondern nur noch, was Schlecht 
•ist, tun. 



56 * ^*s Freer-Logion. 

Hier schlägt lo ein. Satan ist erledigt: „Und zu gunsten 
derer, die sündigten, wurde ich dem Tode übergeben." Dies ist 
nicht der Hirt, der sein Leben für seine Schafe, Joh lo, ii. 15, 
bizkp Töv Tcpoßaxwv, niederlegt, — nicht der Freund, Joh 15, 13, 
der sein Leben für seine Freunde, xjizkp twv cpfXwv auxoö, hingibt. 
Dies ist paulinisch. Dies ist Römerbrief 5, 3 für Gottlose starb 
Christus: uizkp iaeßöv dTceS'avev, — S, 8 „da wir noch Sünder 
waren, starb Christus für uns: ext (i|iapT(i)Xö)V ovxwv T^jiöv XP^^"^^^ 
ÖTüJp T^fxcbv iTceS-avev, — „Christus starb für unsere Sünden": XP^^'^^S 
(ZTT^S'avev bnkp xöv djiapxtöv T^jiwv i Kor 15, 3. Er wurde über- 
geben, Gott übergab ihn: Rom 8, 32: 7rap£6ü)X£V a5x6v. Er „starb 
für Sünder, ein Gerechter für Ungerechte": nepl 4|iapxiö)v iTieS'avev, 
8txato$ uTcep dbiiudy. 

Der Aorist in ajiapxrjoavxwv "ist nicht besonders zu betonen. 
Es soll weder betont werden, dass sie scharf und vereinzelt ein- 
mal sündigten und damit der Sünde und dem Satan unwieder- 
bringlich verfallen waren, noch soll 'die Vergangenheit in kräf- 
tigerer Weise hervorgehoben werden. Sie sind als Menschen 
gedacht, die gesündigt haben, und die noch sündigen. Der Aorist 
im Partizip gleicht sich dem Aorist im Verbum finitum an: eyü) 
TcapeSö^yjv. Hier hat der einmalige Vorgang sein Recht im Tempus, 
Durch eine bestimmte Tat Gottes wurde Jesus dem Tode über- 
geben. Dabei war kein Gedanke an Fortsetzung oder an Wieder- 
holung. 

Eig S-avaxov „dem Tode". Dies ist der alltägliche Ausdruck. 
So „wird ein Bruder einen Bruder dem Tode übergeben": izapa- 
Swaet 5^ dSeX^b^ iSeX^öv ef$ ^avaxov. Doch betrifft der alltäg- 
liche Ausdruck hier keine alltägliche Sache. Für seine eigenen 
Sünden mag einer dem Tode übergeben werden. Das hat der 
Henker zu allen Zeiten gewusst. Als Folge des sündigen Hasses 
eines Anderen mag Einer dem Tode übergeben werden. Das 
ist auch leider im Laufe der Welt kein seltenes Vorkommnis 
gewesen. Hier ist ein Neues. Dies vermehrt und. vollendet den 
in 8 gewährten Trost. Nicht nur ist der Satan erledigt, nicht 
nur ist seine Zeit aus, und seine Vollmacht zu Ende. Sondern 
es werden Anstalten getroffen, um die Brandmale seiner Sklaverei 
zu entfernen, um die Wirkungen seines Betruges rückgängig zu 
machen. 

Zu 11: Dies mit 12 verdeutlicht den Zweck jener Übergabe 



2. Das Logion: Auslegung zu *io — 12. cy 

in den Tod, von der 10 redete. Man dürfte sagen: 11 bespricht 
ihre Rückkehr zur Pflicht, während 12 ihre durch jene Rückkehr 
bedingte selige Zukunft, oder ihren Lohn, wenn man will, dar- 
stellt. "Iva ist also völlig zielbewusst: Es geschah jenes, damit 
dies folge. 

TTToaxp^tJ^watv führt einen Gedanken ein, der im V^orher- 
gehenden nicht zum Vorschein kam. In diesem Wort wird die 
Wirrfahrt der Sünde als eine Irrfahrt in die Ferne vom Urheim 
der Seele gedacht. Die Übergabe Christi in den Tod, die 10 
verkündet, eröffnet den Sündern den Weg zur Rückkehr, zur 
Heimkehr. Wie der Tod dieses erwirkt, wird nicht erklärt. Man 
kann die abgerissenen Sätze in verschiedener Weise verbinden. 
Es wäre möglich 10 als vor 8 geschehen zu denken, den Kreuzes- 
tod als Grund und Verwirklichung des Sieges über Satan zu 
betrachten. Dann wäre die Rückkehr einfach die Folge der 
durch Haft des Unterdrückers aufgehobenen Freiheitsberaubung. 
Von Kauf aus Schuldhaft, von Bezahlung eines Lösegeldes lesen 
wir nichts. Des Verfassers Ansicht über die Art der Wirkung 
des Todes erhellt nicht. 

Diese Rückkehr ist eine Heimkehr zur Wahrheit. Die Wahr- 
heit allein ist die Seelenheimat. Nur dahin zurückkehrend findet 
sie Ruhe. Die Wahrheit ist eine. Es gibt nicht sechs Wahr- 
heiten, zu einer beliebigen unter denen, die Menschen aus der 
Sünde zurückkehren können. Diese Wahrheit ist eine, die Un- 
wahrheit und die Sünde ist mannigfach und chamäleonartig. 
Diese Heimkehr verlangt als Folge das Heimbleiben. Sie sollen 
aufhören zu sündigen, sie sollen nie wieder in die Sünde hinaus- 
gehen: üod [iyjx^Ti (SfiapTi^awaLv. 

Zu 12: Der Zweck und das Ziel der Übergabe Christi in 
den Tod bietet hier den Höhepunkt der Antwort Jesu. Ohne 
Zweifel ist gerade dieser Teil der Antwort — ich greife damit 
einem folgenden Abschnitt vor — mehr paulinisch als synoptisch, 
mehr nach der Art Pauli als nach der Art Jesu. Die Ausdrücke 
sind, wenn genau angesehen, nicht im Neuen Testament wieder- 
zufinden. Sie sind ihm aber durchaus nicht mit Notwendigkeit 
fremd. Paulus hätte diesen Satz ohne weiteres schreiben können. 
Ich betone, dies aus dem einfachen Grund, dass ich ursprünglich, 
als ich die Worte zuerst las, dies nicht dachte. Einer von meinen 
Freunden, der darüber geschrieben hat, hat gerade 12 als dem 



8 Das Freer-Logion. 

Neuen Testament „ganz fremd" bezeichnet. Seit der ersten 
Bekanntschaft mit dem Abschnitt habe ich ihn natürlich immer 
wieder überlegt und durchdacht Die Worte haben sich bei 
mir eingearbeitet und eingelebt. 

nv£'j(iaTtx7j oo^a ist nicht ein geläufiger Ausdruck Wenn 
es aber einen geistigen Fels, ein geistiges Haus, geistige Speise 
und geistigen Trank, einen geistigen Leib, ein geistiges Gesetz, 
ein geistiges Opfer, ein geistiges Lied, geistige Einsicht, eine 
geistige Gnadengabe, geistigen Segen — izizpoc, ol%o^, ßpö)|ia, 
7:6|ia, a(b|ia, v6[io;, ftuaia, coSt^, a'jvsai;, ydpia\i7.^ e'jXoyca — gibt, 
warum dürfte es nicht eine geistige Herrlichkeit geben .^ Was ist 
die Herrlichkeit der Himmlischen: tj twv eTCOupavtwv So^a, die 
Paulus I Kor 15,40 nennt, anders als eine geistige Herrlichkeit? 
Wir haben diesen Ausdruck bei Paulus nicht. Bildete man sich 
ein, ein neuer Brief von Paulus würde entdeckt, 7rv£U|xaT:xr; Soca 
könnte ganz gut darin vorkommen. 

Harnack macht darauf aufmerksam, dass dies mit den escha- 
tologischen Überlieferungen bei Papias in Irenäus übereinstimmt. 
Ich finde noch grössere Übereinstimmung mit Paulus und Petrus 
in 12. Wer Eph i, 18 schreiben konnte „Was der Reichtum 
der Herrlichkeit seiner Erbschaft in den Heiligen ist": xiq 6 nXo\Jzo; 
zf^^ 56qri^ zf^c, xXr^povojiiag auToO ev dyto:?: — und ich erachte 
den Epheserbrief flir paulinisch — , der könnte 12 schreiben. 
Dazu kommt dann i Petrus i, 3 — 5, wo wir von Petrus bis zum 
Paulus und sogar bis zum Johannes — mit (iva^ewifjoa^ — ge- 
langen: „Der uns wiedergeboren ... zu einer Erbschaft [und 
zwar] unverweslich und unbefleckt und unverwelklich für uns 
in [den] Himmeln aufbewahrt." Diese Erbschaft ist gewiss 
„geistig'*; ist gewiss mit „Herrlichkeit" und mit „Gerechtigkeit" 
verknüpft. 

Was die Evangelien angeht, wird niemand bestreiten, dass 
12 sich vorzüglich an Mt 5, 10 anschliesst: „Selig sind die wegen 
Gerechtigkeit Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel." 
Wir brauchen das nicht hebräisch-palästinisch zu nennen. Das 
Hebräisch-Palästinische ist zwar die Grundlage des Christentums. 
Aber dieses Wort ist sodann ein christliches, ein urchristliches 
und ein echt christliches Wort. Das ist eine Herrlichkeit der 
Gerechtigkeit: yj xf^; Scxatoauvr;; 56?a. Die Jünger in ihrer Bitte 5 
tragen Verlangen nach Gerechtigkeit, wie in Matt 5, 6 die nach 



2. Das Logion: Auslegung zu 12. cn 

Gerechtigkeit hungernd und dürstend. So weit davon dann, 
dass Christus in dieser Antwort nicht auf ihre Bitte Rücksicht 
nimmt, versichert er ihnen hier in 12, dass der Hauptendzweck 
seines Kommens, seines Todes, der war, ihnen die Herrlichkeit 
der Gerechtigkeit im Himmel zu verschaffen. Synoptisch aus- 
gedrückt ist das das Himmelreich. Ein paulinischer Ausdruck 
dafür wäre „die Krone der Gerechtigkeit": 6 zfiq 5ixaLoa6vr]^ 
axlcpavoi; 2 Tim 4, 8. 

Wir fanden keine Erklärung über die Art der ursächlichen 
Verbindung zwischen dem Tode Christi und 11. Ebensowenig 
steht eine Erklärung hier, wie der Schriftsteller sich den Tod 
mit der Erbschaft verbunden erachtete. Vielleicht sind sie, die 
Christen, als Miterben mit Christo gedacht, der sich und den 
Seinen die Erbschaft erwirbt. Vielleicht ging der Verfasser 
darauf zurück, dass diese Erbschaft die Rückkehr — uTroaxpetJ^watv 
in II — in die Urheimat war und in Urrechte, die ihnen nun- 
mehr als Erbstücke zukommen. Vielleicht ist Christus als Hohe- 
priester vorzustellen, so dass wir mit i Petrus 5,4 sagen: „Und 
wenn der Hohepriester geoffenbart ist, werdet ihr die nicht ver- 
welkende Krone der Herrlichkeit erhalten". Der Gedanke an 
Verdienst kommt hier nicht zum Vorschein. Sonst wäre 2 Kor 3,9 
beizubringen: „Vielmehr überfliesst der Dienst der Gerechtigkeit 
in Herrlichkeit": ii 5taxovca xf]? Scxacoa6vr]$ ev So^Tf]. 

Schliesslich ist zu bemerken, dass, wenn wir 9 weglassen, 
8 und II und 12 gut zusammen passen und eine genügende Ant- 
wort auf i — 6 enthalten. In i — 6 beklagten die Jünger den Ein- 
fluss Satans und erbaten zur Vernichtung seiner Tätigkeit und 
zur Heilung ihrer Sünden die Offenbarung der Gerechtigkeit 
Christi. Christus antwortete: Satans Macht ist zu Ende. Das 
ist das Eine. Dann fährt er fort: Mein Tod verbürgt eure Rück- 
kehr zur Wahrheit und eure Befreiung von Sünde, so dass ihr 
im Himmel jene ersehnte Gerechtigkeit ererben werdet. 

Der Gedanke, der im ganzen Abschnitt liegt, findet einen 
treffenden Ausdruck im Galaterbrief, i, 4: „der sich selbst für 
unsere Sünden gab, um uns aus dem gegenwärtigen bösen Zeit- 
alter herauszuretten": xo5 Sovxog iauxoO nepl xöv dfiapxtöv T^fiöv, 
ÖTZtdQ e^iXrizoLi i^fia? ex xoO aüövog xoO sveaxwxo? TiovyjpoO. 






• 4 «^ 



6o I^*s Frccr-Logion. 

Ergebnisse. 

Wenn man fragt, ob ein aufgefundenes Logion, ein neu- 
entdeckter Spruch, der Jesu in den Mund gelegt ist, wirklich 
von ihm herstammt, so ist eine der ersten geistigen Bewegungen 
des Forschers eine fast unbewusste. Ich will hier weit ausholen, 
weil die Frage eine ist, die mehr oder weniger alle Logia trifft 
Das Problem, die Aufgabe ist eine rhetorische Aufgabe, eine 
Aufgabe, deren Prüfung zuerst und unwillkürlich auf dem Gebiet 
der Rhetorik liegt, so selten man sich die Sache gerade so und 
gerade unter diesem Namen vorstellt. 

Es liegt hier eine äusserst schwere aber auch eine äusserst 
anziehende Aufgabe vor, die, so weit ich weiss, noch nicht ein- 
gehend behandelt ist. Wir dürften sie kurz „Die Rhetorik Jesu" 
betiteln. Das Werk von Christian Gottlob Wilke zur Rhetorik 
des Neuen Testaments muss endlich zur Nachfolge reizen. Wenn 
wir aber gern eine Rhetorik der einzelnen Schriftsteller haben 
möchten, die im Neuen Testament vertreten sind, wie viel mehr 
müssen wir eine Rhetorik Jesu ersehnen. Gleich erwidert man, 
das sei leichtfertig, ehrenrührig, lasterhaft, den Namen Jesu in 
Verbindung mit dem Wort Rhetorik zu setzen. Überlegen 
wir es. 

Wäre es nicht gut, wenn wir uns eine klare Vorstellung 
davon verschaffen könnten, wie Jesus bei Belehrung, bei Trost, 
bei Aufmunterung, bei Warnung, beim Zorn, sich geäussert hat, 
sich in einem gegebenen Falle äussern würde? Mancher 'wäre 
sicher geneigt, eine solche Aufgabe für die reine Phantasiearbeit 
anzusehen. Er würde auf die Unmöglichkeit hinweisen, durch 
die wirren Fäden der vielfachen Überlieferung, durch die Um- 
wandlungen, die eine Übersetzung aus dem Aramäischen ins Grie- 
chische den Worten und Ausdrücken zufügen müsste, eine solche 
Vorstellung von den tatsächlich von Jesu gesprochenen Worten 
zu gewinnen, dass man sie auf ihre rhetorische Gestaltung hin prüfen 
könnte. Das lautet zwar ungemein überzeugend. Es ist aber in 
einem Punkte grundfalsch, in der in ihm liegenden Voraussetzung 
nämlich, dass man in der Tat auf eine „Rhetorik Jesu" verzichtet. 

So weit sind wir von einem solchen Verzicht, dass bald ein 
jeder sich für fähig, berechtigt, verpflichtet fühlt, augenblicklich 
ein Urteil in Bezug auf die Rhetorik Jesu zu fällen. Der Beweis 



2. Das Logion: Ergebnisse. 6l 

für diese Behauptung liegt auf der Hand. Lese Einer die apo- 
kryphischen Sprüche Jesu vor. Viele werden bei manchem 
Spruch sofort sagen: „Das hat Jesus nicht gesagt"; „Das kann 
Jesus nicht gesagt haben"; „Ich kann mir nicht vorstellen, dass 
Jesus das gesagt hat". Der Sinn, der Inhalt der Worte mag 
völlig unangreifbar sein, und doch die Art des Ausdrucks uns 
völlig unmöglich vorkommen. Das bedingt doch, dass man sich 
eine Vorstellung von der Rhetorik Jesu macht. Man fällt ein 
Urteil darüber, wie er nach seiner Auffassung einen Gedanken 
ausgedrückt haben würde. Man meint, ein gewisses Wort „klingt" 
nicht nach der Art Jesu. Anmassendes liegt, dann nicht in der 
Forderung einer aufs sorgfältigste erwogenen Bearbeitung der 
Rhetorik Jesu. Die Anmassung liegt eher in unseren Entschei- 
dungen darüber, bevor die im Einzelnen ausgedachte Behandlung 
des ganzen Gebiets seiner Aussagen vorliegt. Doch können wir 
nach Allem nicht auf eine solche Vorarbeit warten. Obschon 
sie noch fehlt, sind wir gezwungen, schlecht und recht so gut wir 
können, den Gedanken von der Rhetorik Jesu und unsere Auf- 
fassung von der Antwort auf die Aufgabe hier anzuwenden. 

Wir fragen dann: Hat Jesus dies sagen, so sagen können .^^ 
Ich will die Frage strecken: Auch wenn man sich dafür ent- 
scheiden sollte, dass Jesus in seiner gewöhnlichen Predigt und 
Unterweisung nicht so gesprochen hat, haben wir Grund zu 
denken, dass er bei Gelegenheit seiner späteren Erscheinungen 
als Auferstandener so hätte reden können? 

Ich glaube, die meisten werden bereit sein mit mir zu sagen, 
dass das Knappe, Kernige, Unmittelbare, Unvermittelte, das Ziel 
scharf und schnell Treffende, das wir in den durch die Vier 
Evangelisten überlieferten Aussagen Jesu finden, hier sich in keiner 
Weise zeigt. Gern lasse ich dabei 9 beiseite, da mir diese 
Worte doch verdächtig vorkommen. Schwerlich würde Jesus von 
der Grenze der Jahre der Macht Satans gesprochen haben. Das 
geht zu weit um die Sache herum für ihn. Statt ol ajjtapTTJaavxe^, 
die die sündigten, hätte er gewiss „Sünder" gesagt, wenn man 
diesen Ausdruck auch zur Not auf einen Übersetzer schieben 
könnte. Das Zurückkehren zu der Wahrheit als Aufhören zu 
sündigen klingt zwar ein wenig johanneisch, nicht aber wie ein 
echtes Wort. Es ist zu sehr etwas Überlegtes, zu wenig un- 
mittelbar. 



62 I^as Frcer-Logion. 

Vollends tritt 12 ganz und gar aus dem Rahmen der uns 
in den Evangelien bekannten Aussagen Jesu. Wir brauchen 
nicht einmal den ganzen Satz zu überlegen. Der Kern des 
Satzes ist der Ausdruck „die Herrlichkeit der Gerechtigkeit" 
y; Tf;^ S:xa:oa6vr^? So^a. Im Vergleich mit dem Satz ist jener 
Ausdruck einfach. Einfach wie er ist,* können wir uns gar nicht 
vorstellen, dass Jesus ihn gesprochen hat. 

Unser Schluss ist: Das sind nicht echte Worte Jesu. Es ent- 
stehen dann weitere Fragen. Sind diese Worte ganz und gar 
erfunden.^ Sind sie etwa eine Bearbeitung eines wirklichen Aus- 
spruches Jesu? Sind sie das Ergebnis einer vagen Erinnerung 
an ein Wort Jesu öder auch einer mit zu geringer Sorgfalt ge- 
pflegten Überlieferung von einem Worte Jesu.?^ Was hat Jesus 
sagen können, das eine Handhabe oder eine Grundlage für die 
Ausfuhrungen dieser Worte bot? Wir fangen mit der letzten 
Frage an. Wir dürfen sicher sein, dass die Jünger Jesu bei den 
Erscheinungen nach der Auferstehung nur Tröstendes gehört 
und berichtet haben. Der Zweck der Erscheinungen war Trost, 
um Trost zu gewähren. Solche Trostworte müssen Bezug auf 
die Zukunft genommen haben, denn die Zukunft war die Quelle 
ihrer Beunruhigung. Aus irgend einem solchen Trostwort hätte 
der Spruch vor uns entstehen können. 

Floss in der Tat das Wort aus einem solchen überlieferten 

p 

m • 

Trostwort, so konnte die Unbestimmtheit der Überlieferung und 
die Vagheit der Erinnerung die Leichtigkeit einer freieren Aus- 
arbeitung erhöht haben. Die Möglichkeit bleibt aber bestehen, 
die in der ersten Frage liegt. Die Worte sind vielleicht völlig 
erfunden. Ich will nicht auf die Frage eingehen, welche Zeichen 
wir dafür haben, dass fingirte Sprüche überhaupt fälschlich Jesu 
zugeschrieben wurden. Diese Frage Hegt nah, würde uns aber 
im Augenblick zu weit fuhren. Stellen wir eine andere Frage: 
Sind diese Worte nicht echt, wer hat sie sei es umgemodelt, sei 
es fabrizirt? Wo stammen sie her? Bildeten sie von Anfang her 
einen Teil dieses unechten Markusschlusses? Wie kamen sie 
sonst dazu, hier eingefügt zu werden? Haben sie eine unab- 
hängige Existenz genossen, ehe sie hier angebracht wurden? 
Bildeten sie vorher einen Teil einer ganz anderen Schrift? Sind 
sie von Hause aus lediglich für diese Stelle erfunden oder auch 
zuerst hier aus der Überlieferung zur Niederschrift gebracht? 



i 



} 



2. Das Logion: Ergebnisse. 63 

Zuerst ein Wort in Bezug auf ihre Stellung hier im Text 
des Markus-Schlusses. Wenn wir sie scharf ansehen, erkennen 
wir sofort, dass 2 — 12 nichts, aber rein nichts enthalten, das irgend 
wie mit Notwendigkeit an diese Stelle gebunden ist Der Satz 
über Satan, die Bitte um Offenbarung der Gerechtigkeit, und die 
Antwort Jesu bedingen nur irgend einen Zeitpunkt nach der Auf- 
erstehung. Dagegen sind die Worte in i : „Und jene entschul- 
digten sich und sprachen": xdxstvot dTreXoyoövTO XeyovTSi;: wenn 
nicht für diese Stelle geschrieben, so doch sehr passend. Das 
Wort: „Aber", das auf 12 folgt, das sonst bei keinem von unseren 
Zeugen für den Markusschluss erscheint, deutet daraufhin, dass der 
Abschnitt hier eingefügt, dass er nicht ursprünglich hier stand. 

Ich habe eben gesagt, dass 2 — 12 nichts enthalten, das gerade 
hier stehen musste. Es ist ebenso einfach zu erklären, sie bieten 
nichts, das nicht für diese Stelle, nicht gerade zum Zweck hier 
eingefügt zu sein, hätte so geschrieben werden können. Es ist 
dann nicht schlechthin ausgeschlossen, dass der ganze Abschnitt 
nur hier, nur in diesem unechten Markusschluss existirt hat. Da 
wir keine Nachricht darüber haben, dass er sonstwo vorkommt, 
gehen wir für jetzt von dieser Annahme aus. Wir setzen voraus, 
dass diese Worte i — 12 nur hier gefunden wurden. 

Diese Annahme erledigt auf eine Weise die Verfasserschaft 
von Aristion. Der unechte Schluss ist, ich bezweifle es nicht, 
von Aristion. Dass viel davon aus den anderen Evangelien ent- 
lehnt ist, verschlägt nichts. Das kann Aristion ebensogut wie 
ein anderer besorgt haben. Da diese Worte hier eingefügt sind, 
hat Aristion sie nicht von Hause aus hier geschrieben. Sind sie 
aber als nur hier existirend anzusehen, so sind sie voraussicht- 
lich nicht aus einem anderen Teil der Schrift oder der Schriften 
Aristions entnommen. Ich gebe zu, dass das an und für sich 
möglich wäre. Doch glaube ich es nicht. Denn der Abschnitt 
scheint durchaus nicht aus derselben Feder geflossen, aus dem- 
selben Kopf entsprungen zu sein, wie der unechte Schluss. 

Der Gedanke, der zu der Einfügung dieses Abschnittes an 
dieser Stelle, unmittelbar vor dem Befehl die Frohbotschaft zu 
verkünden und die, die glauben, zu taufen, führte, mag leicht mit dem 
zusammengehen, den Eusebius in seiner Theophanie ausspricht. 
Es steht in Hugo Grossmann's Ausgabe [GCS 1 1,2; Eus.3,2], Leipzig 
1904, Bruchstück 8, S. 22*, Z. 4 — 12: „Mit Notwendigkeit aber 



64 ^^ Frecr-Logion. 

fügt er das Mysterium der Reinigung bei. Denn es war nötig, 
dass die, die aus den Heiden sich bekehrten, durch seine Macht 
von aller Beschmutzung und Verunreinigung gereinigt .würden, 
weil sie durch den dämonischen und götzendienerischen Irrtum 
(verunreinigt) und durch Unreinlichkeit aller Arten festgehalten 
worden waren, erst nunmehr aber von jenem ausschweifenden 
und gesetzwidrigen Leben entfernt sind." Sie wurden festgehalten. 
Befreit, müssen sie gereinigt werden. Das ist die Vorstellung 
dieses Abschnittes. 

Eine weitere Frage lässt sich nur vermutungsweise erledigen: 
In wie vielen Handschriften kam dieser Abschnitt hier vor? Wir 
könnten die Frage so wenden: Welche Verbreitung fand dieser 
Abschnitt.^ Der Umstand, dass trotz unserer tausende von 
griechischen Handschriften wir ihn erst nach achtzehnhundert 
Jahren in einer einzigen vorgefunden haben, weist auf geringe 
Verbreitung. Aber wir lesen bei Hieronymus, er habe den ersten 
Teil, I — 6 wenigstens, in vielen griechischen Handschriften ge- 
sehen. Doch versichert uns Harnack, Hieronymus bausche 
Manches so auf, dass er hier vielleicht nur eine einzige Hand- 
schrift mit jenen Worten gesehen hat. Wir dürfen deshalb an- 
nehmen, der Abschnitt kam nur in sehr wenigen Handschriften vor. 

Harnack meint, das Stück gehöre nicht zum Markusschluss. 
So weit gehe ich mit ihm. Wenn er aber fortfährt, es stamme 
aus der Quelle, aus der der Schluss geflossen ist, sei dort vom 
Rand in den Text gedrungen, scheint er mir etwas nicht Nötiges 
anzunehmen, denkbar wie es auch wäre. Es kann nämlich 
dieser Abschnitt in irgend eine Handschrift, gleichgültig welche, 
die den unechten Schluss enthielt, eingefügt worden sein. War 
er einmal in irgend einer Handschrift an den Rand geschrieben, 
haben wir alle Voraussetzungen, die für den bekannten Text- 
bestand nötig sind. Nichts in diesem Abschnitt verbindet ihn 
mit der Quelle. Er verrät, wie oben gesagt, einen anderen 
Verfasser. 

Wenn wir nach einem Verfasser umschauen und versuchen 
eine Zeit für ihn festzustellen, haben wir nicht nötig sehr weit 
zu gehen. Die Zeit zwischen dem Jahre 69, sagen wir — ich 
setze das Markusevangelium vor 70 — , und dem Jahre 41 5 steht 
uns zur Verfügung. Es fällt mir gar nicht ein, zu glauben, dieser 
Abschnitt sei nach dem Jahre 200 geschrieben. Die Handschrift, 



2. Das Logion: Ergebnisse. 65 

die Hieronymus in Bethlehem hatte, konnte älter als das sein. 
Bei dem Versuch weiter zurückzugehen, finden wir schlechter- 
dings nichts, das auf die Häretiker oder die Gnostiker des zweiten 
Jahrhunderts hinweist. Letztere redeten und schrieben von einem 
opOQ. Das war aber eine Trennung oder ein Trennungsgebiet 
zwischen dem unteren und dem oberen Gott, und dieses Gebiet 
war „der Geist", was alles nichts mit dieser „Grenze der Jahre" 
zu tun hat. Satan war, das ist zuzugeben, eine beliebte Gestalt, 
„dramatis persona", bei den Gnostikern. Was aber der Satan 
dieses Abschnittes ist und tut, das ist mit ihren Phantasien in 
keiner Weise zu vereinigen. Ferner scheint mir die Weise dieses 
Abschnittes zu einfach und ungekünstelt um von einem Schrift- 
steller nach dem Jahre, sagen wir, 130 geschrieben zu sein. 
Dazu halte ich es für wahrscheinlich, dass nach dem Jahre 150 
die kirchlichen Gelehrten nicht so leicht etwas in die Evangelien 
einfügten. Also, wir könnten bis zum Anfang des zweiten Jahr- 
hunderts ohne Schwierigkeit zurückgehen. 

Von der anderen Seite aus verlangt der Inhalt und der 
Wortschatz dieses Abschnittes Vertrautheit sowohl mit den 
Schriften des Paulus wie auch wenigstens mit dem Markus- 
evangelium, und zwar mit diesem Evangelium nachdem der 
unechte Schluss beigefügt war. Ich setze, wie gesagt, Markus 
vor das Jahr 70. Der unechte Schluss ist bis jetzt nicht genau 
zu datiren. Für wahrscheinlich erachte ich es, dass er vor dem 
Jahre 100 dem Evangelium angehängt war. Diese völlig unsicheren, 
durchwegs persönlichen Erwägungen fuhren mich dazu, die Ab- 
fassung und Einfügung dieses Abschnittes mit + 100 zu datiren. 
Wenn Soden Recht hat wie oben, die Schlussausstattung der 
Evangelien um das Jahr 1 30 zu setzen, was ich gar nicht glaube, 
wäre natürlich dieser Abschnitt dann oder später zu datiren. 

* 

Wir sind zu Ende. Das Freer-Logion hat uns wertvolle 
Dienste geleistet. Es hat uns jene, dem Hieronymus bekannte, 
Einschaltung in griechischer Form vorgeführt und dadurch in 
der Kirchengeschichte ein kleines Fragezeichen gestrichen. Es 
hat aber ebenfalls durch die in den Mund Jesu gelegten Worte, 
einen interessanten Beitrag zu der Geschichte der Entwicklung 
christlicher Gedanken am Anfang des zweiten Jahrhunderts geliefert. 

Gregory, Versuche und Entwürfe, i. c 



g6 Das Freer-Logion. 

Wir sind zwar längst darüber klar, dass die alte, leicht er- 
klärliche, und völlig natürliche Annahme, die christliche Kirche 
sei ursprünglich in Hinsicht der Lehre stark judenchristHch und 
petrinisch gewesen, nicht richtig war. Doch ist es gut in diesem 
Logion einen weiteren Beleg für die Irrigkeit jener Ansicht zu 
gewinnen. Man sieht, wie stark die paulinische Auffassungs- 
weise und Darstellungsweise das Christentum jener Tage be- 
einflusst hat Denn Jesus redet hier paulinisch. Die anderen 
in griechischen Handschriften der Evangelien vor uns liegenden 
Logia sind naiv gehalten und synoptisch gefärbt. Dieses Logion 
steht dagegen völlig unter dem Bann der paulinischen Auffassung 
des Christentums. 

Besonders lehrreich ist die Beobachtung, dass die Fortschritte 
in der Lehre, in der ganzen Anschauungsweise, nunmehr eine 
rückwirkende Kraft ausüben. Jesus verkündete sein Evangelium. 
Die Jünger gaben es weiter. Paulus legte darum ein literarisches 
Kleid, stattete es dialektisch aus. Das, was darauf folgte, zeigt 
das Freer-Logion. Die Entwicklung der Gedanken, die Jesus vor 
Jahren geäussert hat, gestaltete schliesslich das Bild seiner Person 
und seiner Art um. Im Spiegel dieses Bildes lernen wir jene 
Zeit besser kennen. Möchten die Klöster und Gräber und Schutt- 
haufen Ägyptens uns bald weitere biblische Handschriften, und 
weitere Auskunft über das Tun und Treiben und Denken der 
damaligen Christen gewähren I 



Von Professor Gregory erschienen im gleichen Verlage: 

Die PrOlC20ITICnft zu: Novum Testamentum graece. 
Ad antiquissimos testes denuo recensuit, apparatum criticum 

apposuit CONSTANTINUS DE TiSCHENDORF. Edltio VIII. 

critica maior. (XII, 1428 Seiten.) 1894. M 32 — 

Inhalt: I. Tischendorfs Leben und Schriften. II. Der kritische 
Apparat. III. Die Gesetze, die Tischendorf seiner Bestimmung des 
Textes zugrunde gelegt hat. IV. Die grammatische Seite der Text- 
kritik: Gestalt der einzelnen Wörter, die Spiritus, die Accente, die 
Interpunktion etc. V. Die Form des Textes: Ordnung der Bücher 
und Einteilung in Kapitel und Verse. VI. Die Geschichte des Textes 
von den alten Recensionen an. (Am Schlüsse Kollation von Tregelles 
und Westcott-Hort.) VII. Die Unzialhandschriften in neuer Bear- 
beitung (Paläographie, Inhalt und Geschichte eines jeden Codex 
gesondert). VIII. Die Minuskelhandschriften und die Lesebücher 
(Beschreibung von 2800 Handschriften, zum Teil auf Grund eigener 
Anschauung). IX. Die Versionen. X. Die kirchHchen Schriftsteller. 
XL Die Liste der Zeugen. XII. Addenda et Emendanda. XIII. In- 
dices (Abkürzungen. Sachen und Personen. Schriftstellen. Griechische 
Wörter. Griechische Handschriften). 

Textkritik des Neuen Testamentes. 

Bisher erschienen: 

I. Band: Griechische Handschriften. — Griechische liturgische 

Bücher. (S. I— VI und 1—478.) 1900. M I2 — 

Inhalt: Die Urkunden: Paläographie. — Majuskel- und Minuskel- 
Handschriften der Evangelien, Apostelgeschichte und katholischen 
Briefe, Paulinischen Briefe und der Apokalypse. Griechische litur- 
gische Bücher. 

IL Band: Die Übersetzungen. — Die Schriftsteller. — Ge- 
schichte der Kritik. (S. VII — X u. 479—994.) 1902. M 1 2 — 
Inhalt: Einleitung. Die östlichen Übersetzungen (syrische, ägyp- 
tische, äthiopische, armenische, georgische, persische, arabische). — 
Die westlichen Übersetzungen (altlateinische, Vulgata, gothische, 
slavische, sächsische, fränkische, teutsche, böhmische). — Kirch- 
liche Schriftsteller: ihr Zeugnis und ihre Namen. Liste der 
Zeugen, nach Jahrhunderten geordnet. — Geschichte der Kritik: 
äußere Form des Textes (Reihenfolge der Bücher, Kapitel, Verse, 
Interpunktion, Rechtschreibung, Lesezeichen, Trennung von Par- 
tikeln.) Der ganze Text (vom Anfang bis 1500; 1500 bis 1902). 

Ein dritter Band Sioll das Werk absehliessen. 



Druck von Angust Pries in Leipzig.